«Man lebt das Leben vorwärts, aber man versteht es rückwärts», sagt Andrea, wenn sie auf die Kindheit ihrer Tochter Chiara zurückblickt. Chiara war von Anfang an anders als andere Kinder. Und mit der Einschulung begann für die Familie ein Weg mit vielen Fragen, mit Lernschwierigkeiten, Schulwechseln und einer ADHS-Diagnose. In Folge 7 des Podcasts Kompass Kindheit erzählt Andrea Oskar Jenni, der Chiara schon im Kindergarten kennengelernt hat, wie aus dem ständigen Kämpfen mit der Zeit ein Begleiten wurde – und was sie heute anderen Eltern mitgeben möchte.
Ein Start voller Sorgen
Chiara kam vier Wochen zu früh per Notkaiserschnitt zur Welt, mit 2,1 Kilo als kleinstes Kind der Station. Einen Tag nach der Geburt folgte die nächste Aufregung: Ihr Kopf sei zu klein, sagte der Kinderarzt, es brauche sofort einen Ultraschall. Gefunden wurde zum Glück nichts. Doch Andrea beschreibt diese ersten Tage als Moment, in dem «die ersten Angstsamen gesät» wurden – eine Sorge, die immer wieder zurückkehrte, etwa als Chiara erst mit fast zwei Jahren laufen lernte, dafür aber sehr früh sprach. Rückblickend rät Andrea deshalb, sich möglichst wenig auf Vergleiche mit anderen Kindern einzulassen: Sie verunsichern gerade dann, wenn das eigene Kind seinen eigenen Rhythmus hat.
Die Abklärung im Kindergarten: mehr Stärke als gedacht
Gegen Ende der Kindergartenzeit äusserte die Kindergärtnerin Zweifel an Chiaras Schulreife, und erstmals stand auch ADHS im Raum. So kam die Familie zur Abklärung zu Oskar Jenni. Andrea erinnert sich besonders daran, dass er persönlich in den Kindergarten kam und seine Einschätzung gemeinsam mit den Kindergärtnerinnen, der Heilpädagogin und den Eltern besprach. Ein Satz ist ihr bis heute geblieben: Chiara habe eine so hohe Resilienz und Frustrationstoleranz, dass sich alle davon eine Scheibe abschneiden könnten. Oskar Jenni ordnet heute ein, dass Chiara damals nur leichte Entwicklungsbesonderheiten zeigte und keine Entwicklungsstörung im engeren Sinn hatte. Kinder entwickeln sich unterschiedlich, und längst nicht alle gehen einen geradlinigen Weg.
Warum so viel von der Lehrperson abhängt
Chiara wurde regulär eingeschult. Wie gut es in der Schule lief, hing jedoch stark davon ab, auf welche Lehrperson sie traf und wie viel Goodwill, Zeit und Geduld diese aufbrachte. Als die Schule in der fünften Klasse altersdurchmischtes Lernen einführte, kam eine junge Lehrerin, die proaktiv auf Chiara einging – und nach einem Jahr kündigte, weil das neue System sie selbst überforderte. Für Chiara, der Struktur und klare Führung besonders helfen, war die Situation schwierig. Die Familie entschied sich für einen Schulwechsel. Die neue Lehrerin war streng, hatte aber «das Herz am rechten Fleck» und erkannte Chiaras Potenzial, das diese bislang kaum abrufen konnte. Andrea hat über all die Jahre vor allem eines getan: mit den Lehrpersonen im Gespräch bleiben und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Hausaufgaben ohne Machtkampf: das Zuhause als sicherer Hafen
Mit einer diagnostizierten Dyskalkulie und dem Thema ADHS im Hintergrund wurden Hausaufgaben zur Zerreissprobe. Mutter und Tochter gerieten immer wieder aneinander, und die Beziehung litt darunter. Andrea holte sich Unterstützung, besuchte Seminare, unter anderem bei Fabian Grolimund, und kam zu einer klaren Haltung: Es darf nicht sein, dass die Schule die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Viele Eltern rutschen in eine Doppelrolle, sobald sie spüren, dass die Schule nicht alles auffangen kann – sie sind Mutter oder Vater und zugleich Lehrperson. Rückblickend findet Andrea, dass Eltern diese zweite Rolle möglichst nicht übernehmen sollten. Das Zuhause sollte ein sicherer Hafen sein, an dem Kinder auftanken können und spüren: Ich bin richtig, so wie ich bin.
Diagnose und Medikamente: Entscheidungen mit vielen Fragen
Nach dem Schulwechsel in der fünften Klasse sah Oskar Jenni den Moment gekommen, an dem eine ADHS-Diagnose Chiara guttun könnte – auch, damit die Schule eine Grundlage für zusätzliche Unterstützung oder einen Nachteilsausgleich hatte. Im Gespräch zeigt er sich heute selbstkritisch: Schulen sollten Kinder auch ohne Diagnose unterstützen können, und Kinderärztinnen und Kinderärzte geraten manchmal unter Druck, Diagnosen vor allem für das System zu stellen. Andrea erlebte, dass die Diagnose für Chiara selbst wenig veränderte; sie sei oft eher für die Eltern wichtig.
Schwerer fiel ihr der Entscheid für Medikamente, die sie zunächst «partout nicht» wollte. Die Lehrerin verglich Chiaras Situation mit jemandem, der eine Brille bräuchte und trotzdem ohne zu lesen versucht. Nach einem längeren Prozess begann Chiara, begleitet von einem Kinderarzt, mit einer niedrigen Dosis – und konnte sich besser konzentrieren. Sie schaffte den Übertritt in die Sekundarstufe A. Rückblickend war es für Chiara die richtige Entscheidung, betont Andrea. Wie bei jeder solchen Frage ist es ein individueller Weg, den Familien gemeinsam mit einer Fachperson gehen.
Eigene Wege: England, A-Levels und der Traum vom Schreiben
Nach der Sekundarschule wusste Chiara mit sechzehn noch nicht, wohin es gehen sollte. Andrea schlug ein zehntes Schuljahr im Ausland vor, und Chiara sagte sofort zu – obwohl Englisch nicht zu ihren Stärken gehörte. In England wuchs sie über sich hinaus und kam selbstbewusster und mit neuer Freude am Lernen zurück. Kurzfristig wagte sie die Gymiprüfung und verpasste sie um einen einzigen Punkt in Mathematik. Für Andrea war das trotzdem ein Beweis ihres Potenzials. Heute macht Chiara an einer internationalen Schule die A-Levels, kann sich auf ihre Kernfächer konzentrieren und ist glücklich. Ihr Ziel: Autorin werden. Schon jetzt schreibt sie in ihrer Freizeit Geschichten und tauscht sich online mit Gleichgesinnten aus. Für Andrea zeigt sich hier, was sie schon bei der Geburt gespürt hat: «Ich bin anders, aber ich gehe meinen Weg.»
Und die Eltern? Selbstfürsorge und Partnerschaft
Andrea erzählt offen, dass ihre eigenen Batterien lange leer waren. Sie gab viel für die Kinder und schaute zu wenig auf sich. Irgendwann kündigte sie ihre Stelle und suchte sich später eine Teilzeitarbeit, die besser zu ihr passte – ein Schritt, der nicht allen Familien offensteht, wie sie betont. Auch als Paar war die Zeit herausfordernd: Andrea ging allein an Elternabende, nahm die Anrufe der Schule entgegen und fühlte sich oft allein. Ihr Rat: im Gespräch bleiben und klar sagen, wenn das Fass voll ist. Oskar Jenni ergänzt, wie wichtig es ist, sich anderen anzuvertrauen, Freundinnen, Angehörigen oder Fachpersonen, und Zeit für die Partnerschaft zu reservieren. Für Gespräche, in denen es nicht nur um Wäscheberge und Wochenplanung geht, sondern auch um Wünsche und Träume.
Was Andrea anderen Eltern mitgeben möchte
Heute würde Andrea mehr auf ihr eigenes Gefühl vertrauen und sich weniger von Meinungen von aussen verunsichern lassen, denn Eltern kennen ihr Kind am besten. Von Fachpersonen und Lehrpersonen wünscht sie sich vor allem Verständnis und Offenheit. Und Eltern in einer ähnlichen Situation gibt sie eine einfache, aber tragende Botschaft mit: Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, richtig zu sein, so wie es ist – bedingungslos. Manchmal genügt schon ein einziger Mensch, der wirklich an ein Kind glaubt. Und manchmal braucht es den Mut, ein Kind seinen eigenen Weg gehen zu lassen, damit es zeigen kann, was in ihm steckt.
Mehr aus dieser Folge
Wie Oskar Jenni und Andrea im Detail über die Abklärung im Kindergarten, das Spannungsfeld rund um ADHS-Diagnosen und den Mut zum Loslassen sprechen, gibt es in voller Länge in Folge 7 von Kompass Kindheit zu hören: «Wenn ein Kind anders ist – 18 Jahre zwischen Sorge und Vertrauen».
Wer Unterstützung rund um Schule, Lernen oder ADHS sucht, findet in den Wegweisern weiterführende Anlaufstellen, etwa die kostenlose Elternberatung von Pro Juventute oder die fundierten Informationen des Child Mind Institute.
Kein Kind muss in eine Norm passen – und keine Familie muss diesen Weg allein gehen. Wer künftig keine Folge mehr verpassen möchte, meldet sich am besten gleich für den Newsletter an: Orientierung ins Postfach, für alle, die Kinder begleiten.
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Nicht unbedingt. Kinder entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo, und viele gehen keinen geradlinigen Weg. Vergleiche mit Gleichaltrigen verunsichern oft mehr, als sie helfen. Wenn Sie unsicher sind, ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt die richtige erste Ansprechperson.
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Eigentlich sollte die Schule ein Kind auch ohne Diagnose unterstützen können. In der Praxis ist eine Diagnose aber manchmal die Grundlage für zusätzliche Förderung oder einen Nachteilsausgleich. Ob sie sinnvoll ist, entscheiden Eltern am besten gemeinsam mit einer erfahrenen Fachperson.
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Hilfreich ist, sich zu Hause nicht als zweite Lehrperson zu verstehen. Die Beziehung zum Kind hat Vorrang. Das Zuhause darf ein sicherer Hafen sein, an dem Ihr Kind auftankt. Bei anhaltenden Konflikten lohnt es sich, das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen oder sich Unterstützung von einer erfahrenen Fachperson zu holen.
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Indem sie auch auf sich selbst schauen: über die eigene Belastung sprechen, in der Partnerschaft offen sagen, wenn das Fass voll ist, und Hilfe von Familie, Freunden oder Fachpersonen annehmen. Nur wer selbst Kraft hat, kann sie auch dem Kind geben.

