Loslassen lernen: Wie die Eingewöhnung bei Grosseltern und in der Kita gelingt

Irgendwann kommt für die meisten Familien der Moment, in dem das Kind zum ersten Mal regelmässig von jemand anderem betreut wird. Das können die Grosseltern sein oder eine Kita. Was organisatorisch oft längst geregelt ist, fühlt sich emotional häufig ganz anders an. In der aktuellen Folge von Kompass Kindheit spricht Oskar Jenni mit Gabriela, Mutter des sieben Monate alten Miro. Sie erzählt, wie schwer ihr das Loslassen am Anfang fiel und wie sie ihren Sohn behutsam an seine Grossmutter gewöhnt hat. Gemeinsam gehen die beiden der Frage nach, was Eltern bei einer Kita-Eingewöhnung beachten können und wie sich das schlechte Gewissen aushalten lässt.

 
 

Wenn das Loslassen schwerer fällt als gedacht

Für Gabriela war eigentlich von Anfang an klar, wer ihr Baby betreuen würde. Schon früh in der Schwangerschaft hatte sie den Grosseltern gesagt, dass sie Betreuungspersonen werden. Doch je näher die Geburt rückte, desto grösser wurde eine leise Frage: Will ich mein Kind überhaupt abgeben?

Statt den Schritt einfach zu vollziehen, hat Gabriela ihn bewusst vorbereitet. Etwa zwei Monate bevor die Betreuung beginnen sollte, fingen sie an zu üben. Zuerst war die Grossmutter einfach zu Besuch, und Gabriela blieb dabei, manchmal hielt sie Miro noch selbst im Arm. Dann folgten kurze Zeiten allein, etwa während eines Arzttermins, eines Einkaufs oder einer leichten Sporteinheit. Nach und nach wurden diese Zeiten länger. Heute freut sich Miro sichtlich, wenn seine Grossmama kommt, er juchzt, lacht und schläft auch bei ihr.

Ein Ritual haben sie bis heute beibehalten: Die Grossmutter kommt immer etwas früher, bevor Gabriela das Haus verlässt. So bleibt Zeit für einen sanften Übergang. Oft spielen die beiden schon eine Viertelstunde miteinander, bevor Gabriela «Tschüss» sagt und mit einem guten Gewissen geht.

Bindungsperson wird man durch gemeinsame Zeit

Oskar Jenni nennt dieses Vorgehen «fast bilderbuchmässig». In den ersten Lebenswochen sind Mutter oder Vater die engsten Bindungspersonen. Bindungsperson wird man, indem man genügend Zeit mit dem Kind verbringt. Kommt eine neue Person dazu, braucht es deshalb vor allem eines: Zeit. Das gilt für die Grossmutter genauso wie für eine Erzieherin in der Kita.

Auch Eltern haben Trennungsangst

Dabei geht es nicht nur um das Kind. Auch für Eltern bedeutet der Übergang eine Trennung, und Oskar Jenni spricht ausdrücklich von der Trennungsangst der Eltern. Loszulassen und darauf zu vertrauen, dass es mit einer neuen Person gut kommt, ist ein Weg, den alle Eltern gehen müssen. Das ist völlig normal.

Wichtig ist dieser Weg auch deshalb, weil Kinder ein sehr feines Gespür dafür haben, wie es ihren Eltern geht. Wer unsicher ist, dauernd ein schlechtes Gewissen hat oder der Betreuungsperson innerlich nicht traut, überträgt diese Unruhe schnell auf das Kind. Umgekehrt spürt das Kind auch das Vertrauen der Eltern und kann sich dadurch selbst sicherer fühlen.

Die Kita-Eingewöhnung: ein mögliches Vorgehen

Nicht alle Familien haben Grosseltern, die die Betreuung übernehmen können, viele Grosseltern sind selbst noch berufstätig. Im Grunde gilt für die Kita aber dasselbe: Es braucht eine Eingewöhnungszeit, die mehrere Wochen dauern kann, und Eltern sollten sich dafür möglichst viel Freiraum schaffen.

Oskar Jenni beschreibt ein mögliches Vorgehen: In den ersten zwei Wochen geht man an vier Tagen pro Woche für jeweils etwa zwei Stunden gemeinsam mit dem Kind in die Kita. Erst in der dritten Woche folgt eine erste kurze Trennung von vielleicht fünfzehn Minuten, die dann langsam ausgedehnt wird. In der vierten Woche sind es etwa zwei Stunden, in der fünften vier, und erst in der sechsten Woche bleibt das Kind einen ganzen Tag. Auch wenn das Kind später nur zwei Tage pro Woche in die Kita geht, empfiehlt er, die Eingewöhnung am Anfang mit häufigeren Besuchen zu gestalten.

In dieser Zeit lernt das Kind die Menschen kennen, ihre Stimmen und Gerüche, die Räume und die ganze Atmosphäre. Und auch die Eltern erleben, wie es in dieser Kita wirklich ist.

Woran erkennt man eine gute Kita?

Bei der Auswahl dürfen Eltern ein Stück weit auf ihr Bauchgefühl hören. Wie ist die Atmosphäre? Wie werde ich empfangen? Wie ist der Umgangston mit den Kindern, auch dann, wenn es einmal laut wird? Erkennen die Erzieherinnen die feinen Signale der Kinder, gehen sie auf ihre Gefühle ein, und werden die Kinder ernst genommen? Solche Fragen lassen sich nicht in einer Stunde beantworten, auch dafür ist die Eingewöhnungszeit wertvoll.

Ein gutes Zeichen, dass die Trennung gelingt: Das Kind lässt sich von den Erzieherinnen trösten. Dann sind sie für das Kind zu Bezugs- und Bindungspersonen geworden.

Abschiedsrituale geben Halt

Gerade morgens, wenn die Zeit knapp ist, fällt das Verabschieden vielen Eltern schwer. Hat das Kind die Kita angenommen, können Abschiedsrituale sehr helfen. Oskar Jenni erzählt von seinem eigenen: Er warf seinem Kind einen Kuss zu, das Kind fing ihn auf und steckte ihn in die Tasche, für später. Auch ein vertrauter Gegenstand, etwa ein Tuch, das noch nach zu Hause riecht, kann Sicherheit geben. Oder ein kleines Buch, vielleicht sogar über das Abschiednehmen, das beim Abschied immer wieder vorgelesen wird. Langweilig wird das nicht, denn Kinder lieben Wiederholungen.

Mit Abschieden umzugehen, müssen Kinder erst lernen, und das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Gelingt die Eingewöhnung nicht gut, rät Oskar Jenni, lieber einen Schritt zurückzugehen, statt sie einfach durchzuziehen. Manchmal zeigt sich dabei auch, dass die Kita oder die Bezugspersonen nicht zur Familie passen.

Die «Fünf-Fünf-Fünf-Regel» gegen das schlechte Gewissen

Ein schlechtes Gewissen gehört ein Stück weit zum Elternsein dazu, und eine Aufgabe von Eltern ist es auch, dieses Gefühl auszuhalten. Oskar Jenni nutzt dafür gerne die «Fünf-Fünf-Fünf-Regel»: Wie wird sich dieses Gefühl in fünf Minuten anfühlen? Vielleicht ist es noch da, wenn man ins Auto steigt. In fünf Tagen ist es wahrscheinlich schon verflogen. Und in fünf Jahren spielt dieser Moment ohnehin keine Rolle mehr.

Die Regel hat aber auch eine zweite Seite. Ist das Gefühl nach fünf Tagen noch immer gross und lässt sich kaum beruhigen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Dann stimmt vielleicht etwas an der Situation nicht, und es braucht eine Veränderung.

Kinder sind robuster, als wir denken

Gabriela beschäftigt eine Frage, die viele Eltern kennen: Ist es für mein Kind noch zu früh? Oskar Jenni macht Mut. Kinder müssen lernen, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen und, mit unserer Unterstützung, auch Frustrationen auszuhalten. Natürlich brauchen sie Erwachsene, die für sie da sind. Aber sie müssen manchmal auch «umfallen dürfen». Kinder sind nicht so zerbrechlich, wie es sich für Eltern oft anfühlt.

Eine sorgfältig ausgewählte Kita oder die Zeit mit der Grossmutter kann deshalb auch ein wertvolles Lernfeld sein, um emotionale Kompetenzen zu entwickeln. Entscheidend ist, dass die begleitenden Erwachsenen die Signale des Kindes gut lesen und spüren, wann es Unterstützung braucht und wann es einen schwierigen Moment selbst bewältigen kann.

Beim Wiedersehen zählt Zuwendung, nicht Theorie

Reagiert ein Kind beim Abholen zunächst abweisend, machen sich Eltern schnell Sorgen. Oskar Jenni rät, aus einzelnen Reaktionen keine einfachen Regeln abzuleiten. Vielleicht hat das Kind Hunger, ist müde, oder es ist gerade etwas anderes los. Viel wichtiger ist, sich dem Kind zuzuwenden, es in die Arme zu nehmen und für es da zu sein. Und meistens gilt: Wenn es dem Kind gut geht, merken Eltern das.

Wann Unterstützung von aussen hilft

Manche Kinder brauchen besonders viel Nähe, und Trennungen fallen ihnen sehr schwer. Bleibt die Trennung auch nach mehreren Wochen ein grosses Problem, kann es hilfreich sein, eine Fachperson beizuziehen, etwa die Kinderärztin oder den Kinderarzt. Gemeinsam mit jemandem von ausserhalb der Familie lässt sich oft mit etwas Kreativität eine gute Lösung finden.

Mehr aus dieser Folge

Wie Oskar Jenni und Gabriela im Detail über die behutsame Eingewöhnung bei der Grossmutter, Abschiedsrituale in der Kita und den Umgang mit dem schlechten Gewissen sprechen, gibt es in voller Länge in Folge 6 von Kompass Kindheit zu hören: «Loslassen lernen – Wenn Kinder neue Bindungen aufbauen».

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Loslassen ist nicht immer einfach, weder für Kinder noch für Eltern. Doch wenn es geduldig und achtsam geschieht, kann Vertrauen wachsen, und dieses Vertrauen hilft dem Kind, sich auch auf neue Beziehungen einzulassen.

 
 
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