Staffel 01 / Folge 06
Loslassen lernen
Wenn Kinder neue Bindungen aufbauen
Gabriela erzählt, wie schwer es ihr fiel, ihren siebenmonatigen Sohn erstmals in die Obhut der Grossmutter zu geben. Oskar Jenni ordnet ein, wie eine gute Eingewöhnung gelingt – ob bei den Grosseltern oder in der Kita – und wie Eltern mit eigenen Trennungsängsten und Schuldgefühlen umgehen können.
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Gabriela Und ich war am Anfang wirklich sehr, sehr nah beim Kind und wollte ihn eigentlich nicht richtig abgeben.
Oskar (Intro) Willkommen zu KOMPASS Kindheit, dem Podcast über die Kindheit, die Entwicklung, die Erziehung und das Zusammenleben mit Kindern. In dieser Folge geht es um ein Thema, das vielen Eltern schwerfällt: das Loslassen. Ich spreche mit Gabriela, die erzählt, wie schwer es ihr am Anfang fiel, ihren sieben Monate alten Sohn abzugeben. Der Schritt zu einer Betreuung ausserhalb der Familie war für sie alles andere als einfach. Wir sprechen darüber, wann der richtige Zeitpunkt für eine externe Betreuung sein kann, wie der Übergang zu neuen Bezugspersonen gelingt und wie man mit den eigenen Zweifeln und Schuldgefühlen umgehen kann.
Oskar Wer soll das Baby betreuen? Das ist ein grosses Thema. Wie soll man das organisieren? Wie war das bei euch?
Gabriela Eigentlich war von Anfang an klar, dass die Grosseltern eine wichtige Rolle übernehmen würden. Wir haben eine enge Beziehung zu ihnen. Schon als ich früh in der Schwangerschaft war, haben wir ihnen zusammen mit der Nachricht, dass ein Baby kommt, gesagt: Ihr werdet Betreuungspersonen. Sie haben sich schon lange Grosskinder gewünscht. Insofern war das eigentlich schon organisiert. Mit der Zeit, während der Schwangerschaft, habe ich aber immer mehr gemerkt, dass ich mich frage: Wie soll ich das Baby überhaupt abgeben Ich habe gespürt, wie mir das immer schwerer fiel. Und deshalb war es für mich innerlich ein grosser Schritt, ihn später tatsächlich abzugeben. Dabei hat der Kleine eine wunderbare Grossmama, die ihn ganz toll betreut. Aber es brauchte Zeit. Und es brauchte Arbeit. Neben den normalen wöchentlichen Besuchen haben wir nach etwa zwei Monaten ganz bewusst begonnen zu üben. Ich musste mir richtig sagen: Jetzt muss er einmal gehütet werden. Am Anfang war die Grossmama einfach bei uns und ich war ebenfalls dabei. Manchmal habe ich ihn noch mehr gehalten. Einfach damit es auch für mich stimmte. Ich habe immer gespürt, dass er auch darauf reagiert, wie es mir geht. Ich war am Anfang wirklich sehr, sehr nah beim Kind und wollte ihn eigentlich nicht richtig abgeben. Dann habe ich gesehen, wie die beiden miteinander umgehen. Wie liebevoll die Grossmama mit ihm ist und wie viel Freude er bei ihr hat. So haben wir nach und nach immer längere Zeiten eingebaut, in denen sie allein mit ihm war. Ich musste ja auch einmal zur Nachkontrolle oder zum Arzt. Manchmal ging ich einkaufen oder machte wieder etwas leichten Sport. So wurden die Zeiten immer länger, in denen er allein mit seiner Grossmutter war. Heute ist er sieben Monate alt und freut sich richtig, wenn sie kommt. Er jauchzt, lacht, sagt mir fast schon Tschüss und ist zufrieden. Für ihn ist das völlig in Ordnung. Ich bekomme dann auch Bilder, sehe, dass es ihm gut geht, und er schläft sogar bei ihr. Das ist wirklich wunderbar.
Oskar Das ist eigentlich fast bilderbuchmässig. Genau so sollte es idealerweise ablaufen. Nämlich mit einer langsamen Eingewöhnung an eine neue Bezugs- und Bindungsperson. In den ersten Lebenswochen sind Mutter oder Vater – es muss übrigens nicht nur die Mutter sein – die engsten Bindungspersonen. Zur Bindungsperson wird man, indem man viel Zeit mit dem Kind verbringt. Wenn später eine neue Person dazukommt, braucht auch dieser Beziehungsaufbau Zeit. Das gilt übrigens genauso für eine Bezugsperson in einer Kita. Darauf kommen wir später noch zurück. Natürlich ist es eine ideale Situation, wenn Grosseltern diese Aufgabe übernehmen können. Etwas ganz Zentrales ist aber, dass man sich Zeit lässt und diese Eingewöhnung langsam gestaltet. Das ist wichtig für das Kind. Du hast aber schon etwas anderes angesprochen: Es ist auch wichtig für dich. Denn auch für dich bedeutet das eine Trennung. Es sind deine eigenen Trennungsängste. Dieses Loslassen und das Vertrauen zu entwickeln, dass es mit einer neuen Bezugsperson gut kommt, ist ein Weg. Und diesen Weg müssen eigentlich alle Eltern gehen. Das ist völlig normal. Loslassen ist schwierig. Man muss Vertrauen in die neue Bezugsperson des Kindes gewinnen. Man muss selbst ruhig werden und das Gefühl haben: Ja, sie macht das gut. Das gelingt. Kinder haben nämlich ein feines Sensorium dafür, wie es ihren Eltern geht. Wenn du unsicher bist, dauernd ein schlechtes Gewissen hast oder denkst, die andere Person könne das nicht gut, dann spürt das dein Kind innerhalb von Sekunden. Und dann fühlt es sich oft ebenfalls nicht wohl. Deshalb ist es wichtig, dass auch du dich mit der Situation wohlfühlst. Und so, wie ihr das gemacht habt, war es genau richtig. Ihr habt zuerst Zeit miteinander verbracht. Er hatte die Möglichkeit, diese neue Bindungsperson kennenzulernen. Ganz langsam. Immer mehr. Und ihr habt diese Zeiten Schritt für Schritt ausgedehnt.
Hier ist die Passage im gleichen Stil wie die bisherigen Folgen geglättet – ohne den Inhalt zu verändern, nur sprachlich flüssiger und mit derselben Zeilenstruktur.
Gabriela Diese gemeinsame Zeit brauchen wir auch heute noch. Es ist mir nach wie vor wichtig – ob jetzt für mich oder für ihn, wahrscheinlich für uns beide. Wenn ich zum Beispiel um zehn Uhr losgehe, dann kommt die Grossmutter schon um halb zehn. So können wir ganz in Ruhe den Alltag weiterleben und einen sanften Übergang gestalten. Es ist schön zu sehen, wie er schon eine Viertelstunde mit der Grossmutter spielt und ich eigentlich nur noch nebenbei dabei bin. Dann kann ich ihm ganz ruhig Tschüss sagen und mit einem wirklich guten Gewissen gehen.
Oskar Ihr habt das jetzt ideal gelöst. Es gibt natürlich Familien, die diese Möglichkeit nicht haben und ihr Kind in eine Kita bringen. Dann stellt sich die Frage: Wie macht man das dort? Aber eigentlich ist es genau gleich. Auch in einer Kita braucht es eine Eingewöhnungszeit, die mehrere Wochen dauert. Und dafür muss man sich diese Zeit auch bewusst freihalten. Ich glaube, da muss man wirklich investieren.
Gabriela Wir haben uns auch schon überlegt, ob später zusätzlich einmal eine Kita infrage käme. Oder wir sprechen mit Freundinnen darüber. Das ist bei uns immer wieder ein grosses Thema. Viele meiner Freundinnen gehen nach sechs oder sieben Monaten wieder arbeiten. Und diejenigen, die keine Grossmutter haben oder deren Eltern noch berufstätig sind, stehen vor der Frage: Wie macht man das, wenn das Kind in eine Kita muss? Ist das mit sechs oder sieben Monaten schon in Ordnung? Eine Freundin von mir gibt ihren Sohn jetzt mit eineinhalb Jahren in die Kita. Und sie hat grosse Bedenken und ein schlechtes Gewissen. Das beschäftigt einen schon. Darüber sprechen wir sehr viel.
Oskar Ich glaube, das Wichtigste ist, dass sich sowohl die Eltern als auch das Kind in der Einrichtung wohlfühlen. Das ist der Schlüssel. Wenn sich Eltern und Kind wohlfühlen, dann ist eine Kita auch für ein neun Monate oder fünfzehn Monate altes Kind gut. Aber nochmals: Das Wichtigste ist eine sorgfältige und langsame Eingewöhnung. Vielleicht noch ein paar Worte dazu, wie man überhaupt eine Kita auswählt. Das ist ja nicht ganz einfach.
Gabriela Das Angebot ist riesig.
Oskar Genau. Es gibt ein grosses Angebot. Eltern müssen dabei auch auf ihr Bauchgefühl hören. Wie ist die Atmosphäre? Wie werde ich empfangen? Wie ist der Umgangston mit den Kindern? Wie reagieren die Betreuungspersonen, wenn es einmal laut wird? Wie gut erkennen sie die feinen Signale der Kinder? Wie gehen sie auf deren Gefühle ein? Werden die Kinder ernst genommen? Das kann man allerdings nicht herausfinden, wenn man einfach eine Stunde in einer Kita verbringt und danach sagt: Das passt. Genau dafür braucht es die Eingewöhnungszeit. Wenn ich dafür ein Modell empfehlen müsste, würde ich mich an folgendem Vorgehen orientieren: In den ersten zwei Wochen geht man an vier Tagen pro Woche jeweils etwa zwei Stunden gemeinsam mit dem Kind in die Kita. Die Eltern sind also zusammen mit dem Kind dort. Das ist der Aufwand, den man investieren sollte. Und das ist durchaus eine längere Zeit. Erst in der dritten Woche beginnt man mit einer ganz kurzen Trennung, vielleicht für fünfzehn Minuten. In dieser Woche kann man die Trennungszeiten langsam etwas verlängern. In der vierten Woche sind vielleicht einmal zwei Stunden möglich. In der fünften Woche vier Stunden. Und erst in der sechsten Woche bleibt das Kind einen ganzen Tag in der Kita. Während dieser Zeit spürt man, wenn man mit dem Kind dort ist: Wie fühlt sich diese Kita an? Entsteht bei mir das Gefühl: «Hier ist es schön. Hier würde ich mein Kind gerne lassen.» Ich glaube, diesen Aufwand muss man investieren. Damit sich das Kind wohlfühlt. Und damit man selbst loslassen kann. Denn es geht nicht nur um die Trennungsangst des Kindes. Es geht genauso um die Trennungsängste der Mutter oder des Vaters. Darum, Vertrauen zu entwickeln. Und genau dieses Vertrauen spürt auch das Kind und fühlt sich dadurch sicher. Hier sind natürlich auch die Betreuungspersonen gefordert. Sie müssen erkennen, dass die Trennung nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern eine Herausforderung ist. Und sie sollten die Eltern in dieser Zeit gut begleiten. Vielleicht noch ein wichtiger Punkt:
Woran erkenne ich überhaupt, dass diese Trennung gut gelingt? Wichtig ist, dass man auf das eigene Kind schaut. Versteht es, was gerade passiert, wenn ich gehe? Können die Betreuungspersonen die Signale meines Kindes in dieser Trennungssituation erkennen? Sind sie in der Lage, mein Kind zu trösten? Sobald sie das können, werden sie zu einer Bezugs- und Bindungsperson. Und man muss sich bewusst sein: Ich habe jetzt von Wochen gesprochen. Und das dauert tatsächlich mehrere Wochen. Das Kind muss die Gerüche kennenlernen, die Atmosphäre, die Stimmung – all das braucht Zeit.
Gabriela Du sprichst jetzt von vier Tagen pro Woche. Also wirklich fast jeden Wochentag. Und dann beginnt erst die zweite Woche. Wenn ein Kind aber nur zwei Tage pro Woche in die Kita geht – sind es dann einfach diese beiden Tage?
Oskar Wenn ein Kind später nur zwei Tage pro Woche in die Kita geht, braucht es am Anfang trotzdem eine hochfrequente Eingewöhnung zusammen mit den Eltern. Auch wenn das Kind danach nur zwei Tage pro Woche dort sein wird, sollte man gerade die ersten zwei Wochen intensiv investieren. Genau so, wie ihr das mit der Grossmutter gemacht habt. Es braucht diese Zeit.
Gabriela Das Verabschieden ist ja auch immer so ein Thema. Ich habe das gerade mit einer Freundin besprochen. Sie steht morgens auf, bringt das Kind in die Kita und sollte um Viertel nach acht schon bei der Arbeit sein. Wie verabschiedet man sich in der Kita eigentlich gut vom Kind?
Oskar Wenn das Kind die Kita angenommen hat und die Erzieherinnen zu Bezugspersonen geworden sind, dann helfen feste Abschiedsrituale. Da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten. Wir haben es zum Beispiel immer so gemacht, dass ich meinem Kind einen Abschiedskuss zugeworfen habe. Es musste den Abschiedskuss fangen und in die Tasche stecken – für später. Das war unser Ritual. Man kann dem Kind auch ein Tuch oder einen kleinen Gegenstand mitgeben, der nach dir oder nach euch riecht. Auch das hilft. Wichtig ist einfach, dass es ein wiederkehrendes Abschiedsritual gibt. Eine andere Möglichkeit ist, immer dasselbe kleine Buch vorzulesen. Vielleicht ein Buch, das vom Abschied handelt. Kinder lieben Wiederholungen.
Gabriela Dann wird ihnen das Buch gar nicht langweilig?
Oskar Nein. Du kannst ihnen jedes Mal dasselbe Buch vorlesen. Immer wieder. Abschiede sind für Kinder eine Herausforderung. Und sie lernen damit nicht von einem Tag auf den anderen umzugehen. Ich glaube, wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass eine Eingewöhnung einfach immer gelingt. Wenn sie nicht gelingt, dann muss man eben noch einmal einen Schritt zurückgehen. Zurück auf Feld eins. Und sich fragen: Was machen wir jetzt? Ich würde Eltern nicht raten, das einfach durchzuziehen. Sondern gemeinsam überlegen: Wie können wir die Situation verändern? Vielleicht ist es nicht die richtige Kita. Vielleicht passen diese Bezugspersonen oder Erzieherinnen einfach nicht zu uns. Vielleicht fühle ich mich dort nicht wohl. Ich habe eben nicht dieses Gefühl: «Hier ist es schön.» Und genau dieses Gefühl muss da sein. Denn wenn es fehlt, hat man ohnehin ständig ein schlechtes Gewissen.
Gabriela Das hat wahrscheinlich jeder.
Oskar Ja. Schlechtes Gewissen gehört zur Elternschaft dazu. Und es ist ein Stück weit unsere Aufgabe als Eltern, zu lernen, damit umzugehen. Ich benutze dafür gerne die 5-5-5-Regel. Ich frage mich: Wie fühlt sich dieses Gefühl in fünf Minuten an? Wahrscheinlich ist es dann immer noch da. Ich steige ins Auto und spüre es noch. Aber wie ist es in fünf Tagen? Dann ist dieses Gefühl meistens schon viel kleiner oder sogar verschwunden. Und in fünf Jahren spielt es ohnehin keine Rolle mehr. Diese Momente, in denen es einem fast das Herz zerreisst, muss man ein Stück weit aushalten. Das gehört zur Elternschaft.
Gabriela Diese 5-5-5-Regel hilft wirklich. Während du gesprochen hast, habe ich sie gerade auf andere Situationen übertragen. Und eigentlich stimmt das. Das Gefühl geht vorbei. Und das hilft, den eigenen Schmerz und die eigenen Gefühle etwas besser zu regulieren.
Oskar Genau. Es geht allen Eltern so. Mir ging es ganz genauso. Das Verabschieden und Loslassen ist ein schwieriger Prozess. Die 5-5-5-Regel bedeutet aber auch: Wenn dieses Gefühl nach fünf Tagen immer noch gleich stark ist und du es überhaupt nicht regulieren kannst, dann muss man genauer hinschauen. Dann sollte man sich fragen: Stimmt hier etwas nicht? Offensichtlich fühle ich mich in dieser Situation nicht wohl. Und dann braucht es vielleicht eine Veränderung.
Gabriela Ich denke gerade daran, dass ich künftig wieder einen Tag mehr im Büro arbeiten möchte. Im Moment arbeite ich viel von zu Hause aus. Und irgendetwas hält mich immer noch zurück. Es sind diese Schuldgefühle oder die Angst, etwas falsch zu machen. Überfordere ich den Kleinen? Ist es vielleicht noch zu früh? Aber vielleicht muss ich es einfach einmal ausprobieren und schauen, ob es sich richtig anfühlt.
Oskar Man muss sich auch bewusst sein, dass nicht immer alles perfekt laufen kann. Manchmal ist es einfach schwierig. Und man kann seine Gefühle auch nicht immer vollständig regulieren. Schuldgefühle gehören manchmal einfach zur Elternschaft. Das ist normal. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen: Kinder sind oft viel robuster, als wir denken.
Gabriela Auch emotional? Körperlich glaube ich das sofort. Aber gerade heute hört man doch immer wieder, wie wichtig es ist, Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten. Dass sie nicht zu viele Kontakte zu Menschen haben sollen, die sie noch nicht gut kennen. Oder dass sie nicht zu früh fremdbetreut werden. Da fragt man sich schon: Wie viel ist gut – und wie viel ist zu viel? Und jetzt sagst du gleichzeitig, dass wir ihnen auch etwas zutrauen sollen.
Oskar Ja, genau. Wir müssen ihnen etwas zutrauen. Kinder müssen lernen, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen. Sie müssen – mit unserer Unterstützung – auch lernen, Frustrationen auszuhalten und schwierige Momente zu bewältigen. Natürlich sollen wir für sie da sein und sie begleiten. Aber sie brauchen auch die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen. Sie müssen auch einmal hinfallen dürfen. Ich glaube, wir dürfen den Kindern nicht alles abnehmen. Und wir dürfen Vertrauen haben, dass sie robuster sind, als wir manchmal denken. Sie sind nicht so fragil und zerbrechlich, wie wir als Eltern oft befürchten.
Gabriela Ja, wir denken ja oft, dass unsere Kleinen ganz fragile Wesen sind. Aber dann ist das ja eigentlich auch eine schöne Lerngelegenheit – in einer von uns sorgfältig ausgewählten Kita oder, wie bei uns, bei der Großmama. Es ist auch ein schönes Lernfeld für sie, um emotionale Kompetenzen zu erwerben.
Oskar Absolut. Gefühlsregulationskompetenzen zu entwickeln, ist etwas ganz Zentrales. Wichtig ist, dass die Erwachsenen, die das Kind in diesem Prozess begleiten, seine Signale gut lesen können. Und dass sie sich auf die Momente einstellen, in denen das Kind jetzt selber einen Schritt machen muss.
Gabriela Gibt es eigentlich Wiedersehenssignale, auf die man achten kann? Zu meiner Ausbildungszeit als Lehrerin war die Bindungstheorie ja überall präsent. Damals hieß es, wenn das Kind beim Wiedersehen lacht oder vielleicht auch ein bisschen weint, dann sei das ein gutes Zeichen. Und wenn es sich irgendwie komisch verhält, dann sei es vielleicht nicht gut gebunden. Gibt es da heute noch solche Regeln?
Oskar Ich glaube nicht, dass man daraus allgemeine Regeln ableiten sollte. Es gibt viele Theorien und viele Experimente dazu. Aber im Alltag würde ich nicht zu theoretisch an die Sache herangehen. Das Wichtigste ist, dass du dein Kind beim Wiedersehen in die Arme nimmst und tröstest. Denn du weißt in diesem Moment gar nicht genau, was los ist. Vielleicht hat es Hunger. Vielleicht ist es müde. Vielleicht ist etwas ganz anderes passiert. Ich glaube, es ist viel wichtiger, sich auf das eigene Bauchgefühl zu verlassen als auf theoretische Modelle.
Gabriela Und wenn das Kind gut aussieht und man merkt, dass es ihm gut geht, dann spürt man das eigentlich, oder?
Oskar Ja, genau. Wenn es dem Kind in der Kita nicht gut geht, dann merkt man das. Dann bleibt die Trennung auch nach mehreren Wochen schwierig. Und wenn die Trennung nach Wochen immer noch ein großes Problem ist, dann sollte man sich Alternativen überlegen. Es gibt nämlich Kinder, die besonders stark gebunden sind. Für sie ist die Trennung und eine außerfamiliäre Betreuung eine größere Herausforderung. In solchen Situationen rate ich den Eltern, eine Fachperson beizuziehen, die sie in diesem Prozess begleiten kann. Denn diese Kinder gibt es. Es gibt Kinder, die wirklich sehr stark an der Mutter oder am Vater hängen.
Gabriela Also zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt?
Oskar Genau. Kinderärztinnen und Kinderärzte können Eltern in solchen Situationen gut beraten und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen. Manchmal braucht es dabei auch etwas Kreativität. Und es ist oft hilfreich, wenn jemand außerhalb der Familie den Prozess begleitet und unterstützt.
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Oskar (Outro) Wir haben gehört: Loslassen ist nicht nur für Kinder eine Herausforderung, sondern auch für die Eltern. Wenn es geduldig und achtsam geschieht, wächst Vertrauen. Und Vertrauen ist der Boden, auf dem Bindung weiterwachsen kann. Danke fürs Zuhören und bis bald bei KOMPASS Kindheit.
Hinweise
Im Buch KOMPASS Kind finden Sie vertiefende Antworten zu den Themen Trennung, Kita-Eingewöhnung und Gefühlsregulation bei den Fragen 33–35, 41 und 42 sowie 49.
Anna von Ditfurth. Das Zürcher Modell – Die Begleitung über die Brücke. Clic Mai, 2018, Seiten 3-4.
Hilfreiches
Sachbuch Kompass Kind – 99 Antworten, die Eltern Orientierung geben
von Oskar Jenni
Im Buch Kompass Kind finden Sie Antworten zu den Themen Trennung, Kita-Eingewöhnung und Gefühlsregulation bei den Fragen 33–35, 41 und 42 sowie 49.
Artikel über “Das Zürcher Modell”
Anna von Ditfurth
Übergänge im frühkindlichen Alltag souverän begleiten – mit dem Zürcher Modell. Clic Mai, 2018, Seiten 3-4.
Podcast Kompass Kindheit
«Die berührendsten Geschichten über Kindheit entstehen dort, wo Menschen offen von ihren Erfahrungen erzählen.»
Kinder grosszuziehen wirft täglich neue Fragen auf. Oskar Jenni lädt ein – zu Gesprächen, die bewegen, ganz neuen Perspektiven, und Wissen das bleibt. Von den ersten Tagen nach der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter.

