Staffel 01 / Folge 07
Wenn ein Kind anders ist
18 Jahre zwischen Sorge und Vertrauen
Chiara war von Anfang an anders als andere Kinder. Ihre Mutter Andrea blickt mit Oskar Jenni auf 18 Jahre zwischen Sorge und Vertrauen zurück – auf Abklärungen, Schulwechsel und ADHS und darauf, wie aus dem Kämpfen ein Begleiten wurde.
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Andrea Rückblickend versteht man das Leben dann meistens besser. Man lebt es vorwärts, aber man versteht es rückwärts.
Oskar Jenni Willkommen bei KOMPASS Kindheit. In dieser besonderen Folge erzählt die Mutter von Chiara von ihrem Weg mit ihrer Tochter, die heute 19 Jahre alt ist. Chiara war anders als andere Kinder. Sie war wild, sie war lebendig und voller Energie. Aber mit der Einschulung begann ein Weg mit vielen Fragen und Sorgen Im Gespräch berichtet die Mutter von ADHS, von Schulproblemen und vom Gefühl, ständig kämpfen zu müssen. Gegen Erwartungen, gegen Strukturen und manchmal auch gegen sich selbst. Und sie beschreibt, wie sich mit der Zeit der Blick weitet und aus dem Kämpfen ein Begleiten wird. Vielen Dank, dass Sie hier sind. Es freut mich sehr.
Andrea Ja, danke für die Einladung.
Oskar Jenni Es ist ja etwas ganz Besonderes, wenn man auf das Leben eines Kindes zurückschauen kann, auf das Leben des eigenen Kindes. Ich glaube, das ist etwas, was einen auch immer wieder berührt, aber auch ein Stück weit demütig macht, wenn man zurückschaut. Wir haben uns vor vielen Jahren kennengelernt. Dann haben Sie mich vor einigen Monaten noch einmal kontaktiert. Und dann kam diese Idee, dass Sie zu mir kommen und ein bisschen von Ihrer Geschichte erzählen, von Chiaras Geschichte. Was haben Sie erlebt? Was hat Sie berührt? Erzählen Sie mir doch mal. Was war die Geschichte?
Andrea Ja, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Ich freue mich sehr, heute unsere Geschichte zu erzählen. Meine Tochter ist mittlerweile achtzehneinhalb Jahre alt. Also, ich blicke doch auf eine längere Geschichte mit ihr zurück. Und wir haben noch einen Sohn, möchte ich dazu sagen. Der ist jetzt vierzehn. Und ja, unsere Kinder sind beide sehr besonders und nicht so 08/15, würde ich sagen, wie sie im System gerne mal durchlaufen. Sondern wir haben da gewisse Hindernisse und Hürden nehmen dürfen im Laufe dieser Jahre. Und es ist schön, darüber mal sprechen zu können und das Ganze auch Revue passieren zu lassen. Weil rückblickend versteht man das Leben dann meistens besser. Man lebt es vorwärts, aber man versteht es rückwärts. Und das ist auch für mich jetzt schön, zurückzublicken und zu verstehen, warum Dinge passiert sind und was eigentlich auch für Geschenke auf diesem Lebensweg waren.
Oskar Jenni Wie hat denn der Lebensweg begonnen? Wenn Sie zurückschauen, was waren so die ersten grossen Erlebnisse oder Meilensteine?
Andrea Ja, also der Weg hat natürlich, wie bei allen Eltern, mit der Geburt des eigenen Kindes begonnen. Man geht da voller Freude und frohen Mutes in dieses Abenteuer. Und unsere Tochter hat sich schon bei der Geburt entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Sie wollte vier Wochen zu früh kommen. Die Wehen haben ganz natürlich eingesetzt, und im Laufe des Geburtsprozesses hat sich herausgestellt, dass sie die Nabelschnur mehrfach um den Hals hatte. Es wurde dann ein bisschen hektisch, weil es einen Notkaiserschnitt gab und ihre Sauerstoffsättigung nicht mehr gut war. Beim ersten Kind ist das natürlich eine Riesenaufregung. Man geht da recht unbedarft rein und denkt ja nicht, dass etwas Schlimmeres passieren könnte. Zumindest habe ich mir da nie Gedanken gemacht. Das war natürlich der erste Angstsamen, sage ich mal, der bei uns gesät wurde. Ist alles in Ordnung? Funktioniert ihr Gehirn richtig? Sie kam dann mit 2,1 Kilo als kleinstes Kind der Station zur Welt und war eine richtige Kämpfernatur. Sie hat das ganz wacker gemacht und brauchte keine zusätzliche Versorgung. Sie war so: Da bin ich, ich bin anders, aber ich gehe meinen Weg und ich kann das auch.
Oskar Jenni Das haben Sie schon damals gespürt?
Andrea Rückblickend, ja. Mir ist jetzt sehr bewusst geworden, dass sie eigentlich schon damals ihren Charakter gezeigt hat, so nach dem Motto: Ich bin nicht wie andere, ich bin anders, aber ich gehe meinen Weg und ich kann das auch.
Oskar Jenni Wenn ein Kind erwachsen ist, erkennt man rückblickend manchmal schon in der Säuglingszeit gewisse Züge seiner Persönlichkeit, oder?
Andrea Genau. Es war für mich auch ein Geschenk, das noch einmal so zu reflektieren, weil sich das eigentlich durch ihr ganzes Leben gezogen hat. Dieses «Ich bin anders, aber ich kann das und ich kämpfe für mich» ist bis heute ein Charakterzug von ihr.
Oskar Jenni Wie haben Sie dieses Kämpferische in den ersten Lebenswochen erlebt?
Andrea Ja, es kam dann noch dazu, dass einen Tag nach der Geburt der Kinderarzt, der sie untersucht hatte, sagte: «Wir müssen sofort ins Kinderspital, einen Ultraschall machen. Ihr Kopf ist so klein, irgendetwas stimmt da nicht.» Das war natürlich der zweite Angstsamen, der bei uns gesät wurde. Oh Gott, hoffentlich ist alles in Ordnung! Es war eben nicht so, dass man einfach ein 08/15-Kind hatte. Man hat ja als frischgebackene Mama und Papa ohnehin schon genug Herausforderungen, und dann kamen immer wieder diese Sorgen dazu: Ist wirklich alles okay? Wir wurden dann gleich von einem Spital ins Unispital geschickt, um diesen Kopfultraschall machen zu lassen. Und da ging eigentlich das Thema los, das einen als Eltern immer wieder beschäftigt: die Angst, dem Kind könnte etwas passieren oder es könnte etwas haben, das nicht gut ist. Bei ihr hat das praktisch am ersten Lebenstag begonnen. Und diese Angst hat mich schon ein Stück weit durch die Elternschaft begleitet. Gerade am Anfang erlebt man sie sehr stark und fragt sich immer wieder: Ist wirklich alles gut? Kommt alles gut? Wird sie ihr Leben meistern? Gefunden hat man damals zum Glück nichts Aussergewöhnliches, was natürlich sehr beruhigend war. Aber wir haben schon gemerkt: Ui, Elternsein kann ganz schön turbulent sein. Und bei uns fing es gleich richtig turbulent an.
Oskar Jenni Und wie ging es dann weiter?
Andrea Und dann ging es eigentlich sehr fröhlich weiter. Sie war ein aufgewecktes, fröhliches Kind, konnte sich schon früh sehr gut mit sich selbst beschäftigen und brauchte viel Rückzug und Ruhe. Sie war nie eine, die viel Tohuwabohu gut vertragen hat. Als Eltern hat man ja nicht so den Vergleich mit anderen Kindern. Man hat sein Kind, und das ist natürlich immer etwas Besonderes. Ich kann auch nur empfehlen, gar nicht so sehr in diese Vergleiche zu gehen, weil das enorm irritieren kann, gerade wenn das eigene Kind nicht so ist wie die anderen. Chiara ist zum Beispiel sehr spät gelaufen, ich glaube, sie war fast zwei Jahre alt. Dafür hat sie sehr früh gesprochen. Für uns war das einfach so, wie es war. Aber wenn man dann sieht, dass andere Kinder schon mit einem Jahr laufen, fragt man sich natürlich wieder: Hat das vielleicht doch etwas mit ihrem Kopf zu tun? Ist da irgendetwas nicht gut? Und schon sind diese Ängste wieder da. Sie hat dann aber ganz tapfer alle ihre Entwicklungsschritte gemacht, einfach etwas später als andere Kinder. Erst gegen Ende der Kindergartenzeit, als der Übertritt in die Primarschule bevorstand, kam das Thema ihrer Entwicklung wieder auf. Die Kindergärtnerin sprach uns darauf an, dass sie Zweifel habe, ob Chiara schon schulreif sei, und empfahl uns, ihre kognitive Entwicklung abklären zu lassen. Gleichzeitig stand zum ersten Mal auch ADHS im Raum. Da denkt man als Eltern natürlich erst einmal: Oh, was kommt jetzt schon wieder auf uns zu? Was bedeutet das für unser Kind? Und damit waren auch die ganzen Ängste wieder da. Wir sind dann dieser Empfehlung gefolgt und haben Chara abklären lassen. Und so sind wir schliesslich zu Ihnen gekommen. Das war der Moment, in dem wir uns begegnet sind.
Oskar Jenni Ja, genau, da haben wir uns damals kennengelernt. Das ist jetzt schon fünfzehn Jahre her, kaum zu glauben. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nur noch vage an unsere Begegnung erinnern. Natürlich kann ich in der Krankengeschichte und in den Berichten nachlesen. Aber viel spannender finde ich, wie Sie das damals erlebt haben. Wie war das für Sie, als Sie mit Chiara zu mir gekommen sind?
Andrea Ja, wir sind damals natürlich ziemlich unbedarft in diese Abklärung gegangen. Wir kannten uns überhaupt nicht aus. Was ist eigentlich eine Abklärung? Was macht man da? Sie war ja noch so klein, dass der schulpsychologische Dienst, glaube ich, noch gar kein Thema war. Wir hatten dann das Glück, zu Ihnen zu kommen. Sie hatten mir damals erzählt, dass Sie ungefähr ein Kind pro Woche abklären, und wir hatten das Glück, dass Chiara dieses Kind war. Für uns war das alles neu, aber wir haben uns bei Ihnen sehr gut aufgehoben gefühlt. Was ich wirklich sehr geschätzt habe, war, dass Sie persönlich zu uns in den Kindergarten gekommen sind und sich mit den Kindergärtnerinnen und der Heilpädagogin zusammengesetzt haben. Sie haben dort Ihre Einschätzung zu unserer Tochter mit uns besprochen. Dafür bin ich Ihnen bis heute sehr dankbar. Das war für mich und meinen Mann, aber ich glaube auch für alle anderen, ein ganz besonderes Erlebnis. Und Sie haben damals etwas gesagt, das mich bis heute begleitet, gerade bei Chiara, aber eigentlich auch bei unseren anderen Kindern. Sie sagten: «Sie hat eine so hohe Resilienz und eine so grosse Frustrationstoleranz, da können wir uns alle eine Scheibe abschneiden«. Daran muss ich immer wieder denken, weil es einfach stimmt. Sie ist bis heute so. Manchmal werde ich fast wahnsinnig, weil Dinge passieren, bei denen jeder andere ausflippen würde, und sie bleibt einfach ruhig. Dann denke ich manchmal: Jetzt könnte das Kind doch auch mal ausflippen! Aber nein, sie bleibt ganz gelassen. Und das hilft ihr natürlich enorm im Leben.
Oskar Jenni Ja, das kann ich mir gut vorstellen. In der Abklärung fordere ich die Kinder natürlich. Sie müssen etwas leisten, und ich möchte herausfinden, wo ihr Potenzial liegt und was sie können. Und ich glaube, ich habe damals einfach gespürt, wie gut Chiara damit umgehen konnte, wenn sie etwas einmal nicht geschafft hat. Da war sie wirklich sehr stark. Wenn ich heute zurückblicke und mir ihre Geschichte noch einmal anschaue, dann hatte sie damals im Kindergarten eigentlich nur leichte Entwicklungsbesonderheiten. Für mich war sie schon damals ein Mädchen, das keine Entwicklungsstörung im engeren Sinn hatte, sondern, wie Sie auch sagen, einfach einen etwas besonderen Weg ging. Und das sehen wir ja relativ häufig. Kinder entwickeln sich unterschiedlich und gehen nicht alle einen geradlinigen Weg. Hat Sie das damals im Kindergarten auch etwas entlastet? Ich mache nämlich immer wieder die Erfahrung, dass eine solche Einschätzung zwar für eine gewisse Zeit hilft, das Kind aber trotzdem im Schulsystem ist und dort bestimmte Leistungen erbringen muss. Und dann kommt es eben doch immer wieder zu Schwierigkeiten. Wie ging es denn bei Chiara weiter?
Andrea Ja, also dank Ihrer Abklärung konnte sie dann ganz normal eingeschult werden. Sie war kognitiv so weit, dass sie diesen Schritt machen konnte. Und dann hängt natürlich ganz viel davon ab, auf welche Lehrpersonen ein Kind trifft. Wie gehen die mit einem Kind um, das nicht einfach so 08/15 durch die Schule geht und vielleicht ein bisschen mehr Unterstützung braucht? Das hatten Sie ja damals im Gespräch mit den Pädagogen auch schon gesagt. Chiara ist einfach ein Mädchen, das etwas mehr Goodwill von den Lehrpersonen braucht. Und das hat sich eigentlich durch die ganze Schulzeit gezogen. Es kam immer wieder darauf an, wen sie als Lehrperson hatte. War da jemand, der bereit war, ein bisschen mehr Zeit und Geduld aufzubringen? Der auch mal etwas mehr investiert hat, als vielleicht üblich ist? Je nachdem war es dann einfacher oder eben schwieriger. Wir haben einfach immer versucht, mit den Lehrpersonen in engem Kontakt zu bleiben, miteinander zu reden und gemeinsam eine Lösung zu finden, damit es für alle stimmt.
Oskar Jenni Wie ging es denn Chiara in dieser ersten Schulzeit? War sie selbst belastet, oder lag die Belastung eher bei Ihnen oder bei den Lehrpersonen? Wie haben Sie das erlebt?
Andrea Wenn ich heute zurückblicke, ging es ihr eigentlich ganz gut. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie unglücklich oder gestresst war. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.
Oskar Jenni Aber für Sie war das natürlich belastend. Wie ging es Ihnen damals damit?
Andrea Ich bin ja immer sehr lösungsorientiert und habe mich gefragt, was ich tun kann, um mein Kind zu unterstützen. Gibt es vielleicht auch ausserhalb der Schule Möglichkeiten, ihr dort zu helfen, wo sie Mühe hat? Ich habe mich dann selbst schlau gemacht, wie man Kinder mit solchen Herausforderungen unterstützen kann, auch zu Hause. Gerade bei den Hausaufgaben. Wie gehe ich als Mutter damit um? Das ist ja, glaube ich, für viele Eltern eine riesige Herausforderung.
Oskar Jenni Was haben Sie da gemacht?
Andrea Na ja, es war nicht einfach. Gerade das Thema Hausaufgaben und Lernen war bei uns eine grosse Herausforderung. Das kennen ja viele Eltern, auch solche, deren Kinder, sage ich mal in Anführungszeichen, ganz normal durch die Schule gehen. Aber wenn man ein Kind hat, bei dem schon eine Dyskalkulie diagnostiziert wurde und ADHS im Raum steht, dann macht man sich natürlich noch einmal andere Gedanken. Ich habe dann viel recherchiert und bin zum Beispiel auf Fabian Grolimund gestossen, der sich intensiv mit diesen Themen beschäftigt und auch Lehrpersonen ausbildet. Ich habe Seminare besucht und mir Hilfe geholt, weil wir bei den Hausaufgaben immer wieder so aneinandergeraten sind, unsere Tochter und wir. Unsere Beziehung hat darunter gelitten, und ich wollte einfach wissen, wie wir besser damit umgehen können. Ich habe immer gesagt: Es kann doch nicht sein, dass wegen der Schule unsere Beziehung leidet. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist das Wichtigste, und die sollte stabil bleiben. Die Schule ist schon stressig genug. Da sollte das Zuhause wenigstens ein sicherer Hafen sein, wo das Kind wieder auftanken kann. Und wenn dann auch zu Hause ständig Stress entsteht, weil das Lernen und die Hausaufgaben mit nach Hause kommen, dann muss man einfach eine Lösung finden, wie das einigermassen stressfrei funktionieren kann.
Oskar Jenni Das war vielleicht auch ein bisschen der Schlüssel, wie Sie durch diese Zeit gekommen sind. Dass Sie die Beziehung zu Ihrer Tochter in den Vordergrund gestellt haben und sich zu Hause nicht als Förderin oder Lehrperson gesehen haben, die das Gleiche fordert wie die Schule. Sondern dass Chiara zu Hause einfach sie selbst sein konnte.
Andrea Ich glaube, die Herausforderung, die viele Eltern haben, ist, dass man seinem Kind ja alle Möglichkeiten bieten möchte. Und wenn man merkt, dass es in der Schule mit den vorhandenen Möglichkeiten nicht so gut zurechtkommt, versucht man, möglichst viel zu Hause aufzufangen und zusätzliche Unterstützung zu bieten. Und dann gerät man plötzlich in zwei Rollen. Einerseits ist man Mutter oder Vater, und da geht es vor allem um die Beziehung und darum, dem Kind Sicherheit zu geben. Gleichzeitig hat man aber das Gefühl, dass die Schule nicht alles auffangen kann, was das Kind braucht. Und so übernimmt man zu Hause plötzlich auch die Rolle einer Lehrperson oder Pädagogin. Rückblickend finde ich, dass man diese Rolle eigentlich gar nicht einnehmen sollte, weil sie die Beziehung zum Kind sehr belasten kann.
Oskar Jenni Was würden Sie denn anderen Eltern in einer ähnlichen Situation empfehlen? Wie gelingt es, das Kind beim Lernen zu unterstützen und gleichzeitig die Beziehung zu ihm nicht zu belasten?
Andrea Das ist wirklich das Wichtigste, was ich anderen Eltern mitgeben möchte. Dass die Kinder zu Hause einen sicheren Hafen haben, wo sie auftanken, Kraft schöpfen und einfach so sein können, wie sie sind. Und wo sie das Gefühl bekommen: Ich bin richtig, so wie ich bin. Denn ausserhalb der Familie bekommen sie oft genug das Gefühl, dass sie eben nicht richtig sind, so wie sie sind. Und ich glaube, als Eltern ist es auch unsere Aufgabe, ihnen zu Hause einen Ort zu geben, an dem sie sich wohlfühlen und wieder Kraft schöpfen können. Denn irgendwo müssen die Batterien ja wieder aufgeladen werden, wenn sie draussen ständig entladen werden.
Oskar Jenni Und wie haben Sie selbst Ihre Batterien wieder aufgeladen? Wie haben Sie in dieser Zeit auf sich geschaut? Das ist eine gute Frage.
Andrea Das war natürlich ein langer Weg, und meine Batterien waren lange Zeit auch ziemlich leer, muss ich sagen. Wenn ich heute zurückblicke, war das schon eine herausfordernde Zeit. Ich habe einfach immer sehr viel für die Kinder gegeben und dabei oft zu wenig auf mich selbst geschaut. Und das hat mich dann auch auf meinen eigenen Weg gebracht. Die Kinder spiegeln einem ja sehr viel, und gerade das Thema Abgrenzung musste ich erst lernen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nur dann wirklich für meine Kinder da sein kann, wenn ich selbst genug Kraft habe. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich sie auch nicht so unterstützen, wie ich das gerne möchte. Das musste ich erst einmal erkennen und dann lernen, besser auf mich selbst zu schauen. Also auch mal zu fragen: Was tut mir eigentlich gut? Was gibt mir wieder Kraft? Und mir dafür auch Zeit zu nehmen. Das war für mich ein Lernprozess.
Oskar Jenni Wie haben Sie das konkret gemacht?
Andrea Gute Frage. Ich habe dann irgendwann erst einmal meinen Job an den Nagel gehängt.
Oskar Jenni Das ist ja vielleicht auch nicht unbedingt die einfachste Lösung.
Andrea Nicht unbedingt. Aber in dem Moment war das ganze Paket für mich einfach nicht mehr stimmig. Ich habe gemerkt, dass ich meinen Job nicht mehr mit so viel Herzblut mache, und mich gefragt: Wo möchte ich eigentlich meine Energie reinstecken? Wenn ich etwas mache, dann möchte ich auch davon überzeugt sein. Ich habe mich dann entschieden, mehr Zeit in die Beziehung zu meinen Kindern zu investieren, und mir später einen Job gesucht, der besser zu mir gepasst hat und bei dem ich auch Teilzeit arbeiten konnte. Natürlich ist das nicht für alle möglich. Ich hatte das Glück, dass mein Mann mich dabei unterstützt hat. So konnte ich mehr für die Kinder da sein und hatte insgesamt eine bessere Balance, auch im Umgang mit ihren Herausforderungen.
Oskar Jenni Und wie ging es Ihnen als Paar in dieser herausfordernden Zeit? Wie sind Sie beide damit umgegangen?
Andrea Wir sind nach wie vor verheiratet, leben zusammen und sind glücklich. Von daher hat rückblickend alles wunderbar funktioniert. Aber damals war es natürlich schon herausfordernd. Wir hatten noch das klassische Rollenmodell. Mein Mann hat gearbeitet und die Familie ernährt. Ich hatte zwar auch immer einen guten Job, aber den hatte ich ja dann nicht mehr. Und plötzlich habe ich gemerkt: Hui, ich bin finanziell gar nicht mehr unabhängig. Dazu kam, dass ich zu jedem Elternabend alleine gegangen bin, die vielen Anrufe von der Schule bekommen habe und mich um alles kümmern musste. Ich hatte oft das Gefühl, mit all dem alleine dazustehen. Und am Abend habe ich meinem Mann dann erzählt, was wieder alles los war. Das war schon eine Herausforderung, auch als Paar. Wir mussten erst wieder eine Balance in unserer Partnerschaft finden.
Oskar Jenni Was würden Sie denn anderen Eltern raten? Wie kann man als Paar mit solchen Herausforderungen umgehen?
Andrea Ja, ich glaube, wichtig ist, dass man immer im Gespräch bleibt und auch klar sagt, wenn man an seine Grenzen kommt und Unterstützung braucht, gerade auch vom Partner. Das ist ja gar nicht böse gemeint, aber man kann nicht in den anderen hineinschauen. Wenn man nicht sagt, wann das Fass voll ist, kann der Partner das auch nicht unbedingt merken. Deshalb finde ich es wichtig, offen miteinander zu reden, auch wenn man selbst gerade am Anschlag ist, und sich gegenseitig zu unterstützen. Und natürlich kann man sich auch Hilfe von aussen holen. Grosseltern sind da sicher eine grosse Unterstützung. Die hatten wir leider nicht in der Nähe, weil unsere Familie in Deutschland lebt. Aber wenn man jemanden im familiären Umfeld hat, der die Kinder auch mal übernimmt, damit man wieder etwas Zeit als Paar hat, dann hilft das natürlich sehr.
Oskar Jenni Und so ist Chiara durch die Primarschulzeit gegangen. Wie ging es dann weiter? Das Thema ADHS stand ja immer wieder im Raum.
Andrea Ja, das stand immer wieder im Raum, aber es wurde nie offiziell diagnostiziert. Sie waren damals sehr zurückhaltend mit dieser Diagnose, zum Glück. Das fand ich auch sehr gut. Es war eher etwas, das in meinem Kopf oder in unseren Köpfen präsent war. Für Chiara selbst war das alles gar nicht so ein Thema.
Oskar Jenni Nicht relevant ?
Andrea Für Chiara selbst war das nicht relevant, und für die Lehrpersonen eigentlich auch nicht. Ich muss sagen, die ersten vier Schuljahre waren insgesamt okay, mit einigen Höhen und Tiefen, aber so ist das ja oft.
Oskar Jenni Aber dann nimmt ja der Druck zu, und auch die Anforderungen in der Schule werden höher.
Andrea Genau, dann kam der Übertritt in die 5. Klasse. Und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hat die Schule ein neues Konzept mit altersdurchmischtem Lernen eingeführt. Da waren plötzlich drei Jahrgänge zusammen in einer Klasse, und Chiara gehörte zu den Jüngsten. Da habe ich schon gedacht: Oh je, ob das wohl gut kommt? Die Lehrpersonen waren für uns alle neu, und wenn ein Lehrer 25 Kinder aus drei Jahrgängen unterrichten muss, mit unterschiedlichen Lerninhalten in allen Fächern, dann fragt man sich schon, ob das funktioniert. Gerade bei Chiara, die ja ohnehin schon Mühe hatte, sich zu konzentrieren, und im normalen Klassenunterricht ihre Herausforderungen hatte. Ich hatte einfach Angst, dass sie da unter die Räder kommt. Deshalb habe ich Sie damals noch einmal kontaktiert und gefragt, was Sie von diesem altersdurchmischten Lernen halten. Sie konnten meine Bedenken zwar nachvollziehen, haben aber auch gesagt, ich solle erst einmal abwarten, wer die Lehrperson wird. Und dann war es eine ganz junge Lehrerin. Ich war natürlich erst einmal skeptisch und dachte: Hoffentlich kann die das alles stemmen. Aber Sie haben mir geraten, erst einmal abzuwarten und mich nicht schon vorher verrückt zu machen. Und ich muss sagen, die Lehrerin war super! Sie hat das wirklich gut gemacht. Wir hatten einen sehr guten Austausch, und sie ist ganz proaktiv auf Chiara eingegangen. Die war wirklich am richtigen Platz in ihrem Beruf. Leider hat sie dann nach einem Jahr gekündigt, weil das ganze System sie selbst zu sehr belastet hat. Ich glaube, wenn sie geblieben wäre, hätten wir diesen Weg auch weitergehen können. Aber mit ihrer Kündigung mussten wir uns neu orientieren. Ich habe mir dann die andere Lehrperson noch angeschaut, aber vom Gefühl her hat es einfach nicht mehr gestimmt. Also haben wir uns nach einer anderen Schule umgesehen und Chiara schliesslich aus der bisherigen Schule genommen. Sie hat dann in der fünften Klasse die Schule gewechselt. Das war natürlich noch einmal ein grosser Einschnitt für sie. Chiara ist ja eher introvertiert und nicht jemand, der schnell neue Kontakte knüpft. Deshalb war es für sie schon eine Herausforderung, an einer neuen Schule noch einmal von vorne anzufangen. Aber auch da hat sie wieder ihre Kämpfernatur gezeigt.
Oskar Jenni Was war denn für Chiara beim altersdurchmischten Lernen besonders schwierig? War es die fehlende Struktur oder die mangelnde Klarheit?
Andrea Die Lehrpersonen mussten sich selbst erst einmal zurechtfinden. Dieses Konzept gab es vorher nicht, und gefühlt waren alle überfordert. Sie hatten kaum noch Kapazität, um Kinder zusätzlich zu unterstützen. Es gab wahnsinnig viele Besprechungen untereinander, um den Unterrichtsstoff abzustimmen, dazu kamen die Elterngespräche. Die waren alle total am Anschlag. Es haben auch reihenweise Lehrpersonen gekündigt. Für die Kinder bedeutete das, dass sie sehr viel selbst organisieren und strukturieren mussten. Und genau das war für Chiara besonders schwierig. Sie hatte schon in einem gut strukturierten Umfeld Mühe damit, und unter diesen Bedingungen wurde es natürlich nicht einfacher.
Oskar Jenni Und dann haben sie die Schule gewechselt?
Andrea Dann haben wir die Schule gewechselt. Chiara kam zu einer sehr strengen Lehrerin, die ich aber geschätzt habe. Ihr lag wirklich am Herzen, das Potenzial der Kinder zu erkennen und zu fördern. Sie hatte eine sehr klare Führung und war auch streng, aber sie hatte das Herz am rechten Fleck. Wir waren eigentlich sehr zufrieden, und Chiara fühlte sich auch wohl. Dann kam das erste Elterngespräch, und die Lehrerin sagte: «Chiara hat so viel Potenzial, aber sie kann es überhaupt nicht abrufen. Sie sollten sich wirklich Gedanken machen, wie wir sie besser unterstützen können.» Und so bin ich mit Chiara wieder bei Ihnen gelandet.
Oskar Jenni Und was habe ich damals gesagt? Ich kann mich gar nicht mehr so genau daran erinnern.
Andrea Da haben wir dann gar keine richtige Abklärung mehr gemacht, das war auch nicht nötig. Ich bin einfach mit Chiara zu Ihnen gekommen, und Sie haben gesagt: «Vielleicht ist jetzt der Moment, wo ihr eine Diagnose guttun würde.»
Oskar Jenni War ich da so bestimmt? Normalerweise bin ich ja eher zurückhaltend mit Diagnosen.
Andrea Wir haben damals miteinander gesprochen, und ich habe Ihnen erzählt, wie die Situation gerade war. Aufgrund dieses Gesprächs haben Sie dann gemeint, dass jetzt vielleicht der Moment gekommen sei, wo ihr eine Diagnose helfen könnte. Manchmal hilft so ein Label, haben Sie gesagt, damit auch die Schule eine Grundlage hat, um das Kind besser zu unterstützen. Oft braucht die Schule ja eine Diagnose, damit zusätzliche Unterstützung oder ein Nachteilsausgleich möglich wird. Und so hatten wir das Gefühl, dass es jetzt vielleicht für alle eine Erleichterung wäre, wenn man das auch offiziell hätte.
Oskar Jenni Ich bin jetzt etwas erstaunt, weil die Diagnose offenbar tatsächlich eine Erleichterung gebracht hat. Ich bin heute eher kritisch, was solche Diagnosen angeht. Manchmal stellt man eine Diagnose ja vor allem deshalb, damit die Schule zusätzliche Unterstützung anbieten kann. Dabei sollte die Schule ein Kind eigentlich auch ohne Diagnose entsprechend unterstützen können. Und wir Kinderärztinnen und Kinderärzte geraten dadurch manchmal unter Druck, eine Diagnose zu stellen, nur damit die Schule etwas machen kann. Das ist ein Spannungsfeld, das wir immer wieder erleben. Aber bei Chiara hat die Diagnose offenbar tatsächlich etwas gebracht. Wie sehen Sie das heute, wenn Sie zurückblicken?
Andrea Also ganz ehrlich, ich weiss gar nicht, ob die Diagnose für uns und für Chiara so viel verändert hat. Für uns stand das Thema ja schon länger im Raum, und Chiara war einfach so, wie sie war. Ob sie jetzt ein Label hatte oder nicht, das hat sie eigentlich gar nicht interessiert. Sie kümmert sich ohnehin nicht gross darum, was andere über sie sagen oder denken. Für sie selbst hat sich dadurch nicht viel verändert. Ich glaube, so eine Diagnose ist oft eher für die Eltern wichtig. Und dann kam natürlich die Frage, wie wir sie noch besser unterstützen könnten. Ob es vielleicht Sinn machen würde, einen Schritt weiterzugehen und auch Medikamente auszuprobieren.
Oskar Jenni Und wie ging es dann weiter?
Andrea Ja, das war für mich schon ein richtiger Prozess. Ich wollte das partout nicht. Aber die Lehrerin war immer in engem Austausch mit uns und hat gesagt: «Schauen Sie, Chiara hat so viel Potenzial, aber sie kommt einfach nicht daran.» Sie hat das mit jemandem verglichen, der eigentlich eine Brille bräuchte, aber die ganze Zeit versucht, ohne Brille zu lesen. Er könnte es ja, aber es fällt ihm einfach extrem schwer. Und so hat sie uns nach und nach an den Gedanken herangeführt, bis wir irgendwann gesagt haben: Ja, okay, wir probieren es mal aus. Sie haben uns dann einen Arzt vermittelt, keinen Psychiater, sondern einen Kinderarzt, der das sehr unkompliziert gehandhabt hat. Wir haben mit einer ganz kleinen Dosis angefangen und gemerkt, dass es Chiara tatsächlich geholfen hat, sich besser zu konzentrieren.
Oskar Jenni Und wie haben Sie das erlebt? Haben Sie gemerkt, dass ihr die Medikamente geholfen haben?
Andrea Und sie hat dann auch den Übertritt in die Sekundarstufe A geschafft. Ich glaube, intuitiv versucht man als Eltern immer, sein Kind so weit zu unterstützen, dass es die Möglichkeiten bekommt, die für seinen weiteren Weg wichtig sein könnten. Chiara hat ja immer gerne gelernt. Sie hat schon früh gerne gelesen und geschrieben, das ist bis heute fast ein Hobby von ihr. Sie findet es toll, wenn sie sich in ihre Themen vertiefen kann. Deshalb haben wir uns damals auch entschieden, ihr diese Chance zu geben, damit sie ihren Weg gehen kann. Ohne die Medikamente war das für sie einfach extrem anstrengend. Rückblickend bin ich froh, dass wir uns so entschieden haben. Wenn ich heute sehe, wie sie sich entwickelt hat und wie glücklich sie auf ihrem Weg ist, dann war das für sie die richtige Entscheidung.
Oskar Jenni Und wie ging es dann weiter?
Andrea Ja, sie hat dann die dritte Sek abgeschlossen. Auf die dritte Sek hin hatte sie noch einmal die Schule gewechselt, weil es in der Klasse soziale Schwierigkeiten gab. Sie wollte einfach noch einmal neu anfangen. Nach der Sek hatte sie dann irgendwie genug von den Gleichaltrigen und überlegte, ob sie vielleicht eine Lehre machen sollte. Sie war auch am Schnuppern, aber mit sechzehn wusste sie natürlich noch nicht so genau, was sie eigentlich wollte. Da habe ich ihr vorgeschlagen, ob sie nicht ein 10. Schuljahr im Ausland machen möchte. Einfach um noch etwas Zeit zu haben, herauszufinden, was sie machen will, und gleichzeitig etwas Neues zu erleben. Und da war sie sofort begeistert und hat gesagt: «Ja, das mache ich!»
Oskar Jenni Also einfach mal eine Pause machen und etwas Abstand gewinnen.
Andrea Und das fand sie dann ganz spannend. Es ging nach England, obwohl Englisch eigentlich gar nicht zu ihren Stärken gehörte. Aber sie hat einfach gesagt: «Das finde ich gut, das mache ich. Ich gehe nach England.» Sie hat dann über eine Schweizer Organisation ein 10. Schuljahr in England gemacht. Und das war für sie ein ganz wichtiges Jahr. Da ist sie wirklich gereift und gewachsen.
Oskar Jenni Das ist ja ein bisschen das, was Sie ganz am Anfang erzählt haben. Diese Stärke, die schon im Säuglingsalter spürbar war. Einfach zu sagen: Ich mache das jetzt, ich gehe meinen Weg.
Andrea Genau. Und das habe ich wirklich sehr bewundert. Ich glaube, in ihrem Alter hätte ich mich das noch nicht getraut. Für uns Eltern war das natürlich auch eine echte Herausforderung. Einerseits möchte man den Kindern ja nicht die Flügel stutzen, und gleichzeitig denkt man: Oh Gott, hoffentlich landen sie sanft! Und so ist sie dann nach England losgeflattert, und wir haben sie gehen lassen. Natürlich immer mit diesem Gefühl: Uiuiui, mal schauen, wie das kommt. Aber rückblickend war es schön zu sehen, was man den Kindern in der Beziehung und in der Erziehung mitgegeben hat. Oft zeigt sich das ja erst, wenn sie in einem anderen Umfeld sind und ihren eigenen Weg gehen.
Oskar Jenni Ja, genau. Das kommt dann eigentlich erst richtig zum Tragen.
Andrea Das war eigentlich total schön. Da konnten wir wirklich sehen, was in ihr steckt und wie sie sich entwickelt. Zu Hause, in ihrer Komfortzone, zeigt sich das ja oft gar nicht so, weil sie dort nicht vor den gleichen Herausforderungen steht.
Oskar Jenni Ja, genau.
Andrea Und das ist wirklich schön. Ich kann Eltern nur ermutigen, ihre Kinder mutig ihren eigenen Weg gehen zu lassen und sie auch loszulassen. Denn erst dann können sie zeigen, was alles in ihnen steckt.
Oskar Jenni Und wie ist sie dann aus England zurückgekommen? Wie hat sie sich verändert?
Andrea Ja, sie kam viel selbstbewusster zurück und hatte auch die Freude an der Schule wiedergefunden. Die Schule in England war toll, und sie hat das sehr genossen. Es war wirklich eine gute Entscheidung für sie. Von England aus hat sie sich noch auf Lehrstellen beworben, aber ungefähr einen Monat vor der Gymiprüfung hat sie plötzlich gesagt: «Ach, jetzt mache ich doch die Gymiprüfung!» Da haben wir gesagt: Okay, dann musst du dich jetzt aber ganz schön anstrengen. Wir sind ja beide Deutsche, und in Deutschland ist der Weg ans Gymnasium etwas anders. Aber wir wussten aus unserem Umfeld, wie anspruchsvoll die Gymiprüfung in der Schweiz ist. Chiara hat einfach gesagt: «Ich mache das jetzt. Ich will weiter zur Schule gehen und die Matura machen.» Sie hat die Prüfung dann tatsächlich versucht und wegen eines einzigen Punktes in Mathematik nicht bestanden. Aber ich war trotzdem sehr stolz auf sie. Sie hatte sich so kurzfristig dazu entschieden, und am Ende hat so wenig gefehlt. Da habe ich ihr gesagt: «Schau, daran siehst du doch, dass du das Potenzial hast. Wenn du das wirklich willst, dann kannst du das.» Leider war sie dann schon zu alt, um die Prüfung noch einmal zu machen. Sie hat es auch noch mit der FMS versucht, aber das wollte sie eigentlich gar nicht. Schliesslich hat sie ein Jahr lang ein Online-Gymnasium besucht und ist jetzt an einer internationalen Schule, wo sie die englische Matura, also die A-Levels, macht. Sie hat noch ein Jahr vor sich und ist total glücklich. Ich sage ja immer, es kommt nichts ohne Grund. Rückblickend war es für Chiara genau richtig, wie alles gekommen ist. Die fast bestandene Gymiprüfung hat ihr gezeigt, dass sie das Potenzial hat. Gleichzeitig wäre das Schweizer Gymnasium wahrscheinlich gar nicht das Richtige für sie gewesen. Das englische System passt jetzt wunderbar. Sie kann sich auf ihre Kernfächer konzentrieren und hat gerade ihre hoffentlich letzte Mathematikprüfung fürs Erste hinter sich gebracht. Jetzt kann sie sich ganz auf das konzentrieren, was ihr Spass macht und sie wirklich interessiert. Und darin geht sie total auf.
Oskar Jenni Und wo sehen Sie Chiara in Zukunft? Was glauben Sie, welchen Weg sie gehen wird?
Andrea Na ja, sie hat schon eine klare Vorstellung. Sie möchte gerne Autorin werden. Sie liebt das Schreiben, liest viel und schreibt auch in ihrer Freizeit Geschichten. Da ist sie auf irgendwelchen Onlineplattformen unterwegs, wo sie sich mit anderen austauscht und gemeinsam Geschichten entwickelt. So eine Art improvisiertes Geschichtenschreiben, bei dem man sich gegenseitig weiterschreibt. Ich weiss gar nicht genau, wie man das nennt. Während andere auf Social Media unterwegs sind, hat sie dort ihre eigene Welt gefunden. Sie ist ja lokal nicht so stark sozial vernetzt, aber über das Schreiben und ihre Interessen hat sie online Kontakte gefunden. Das ist eigentlich eine schöne Möglichkeit für sie.
Oskar Jenni Wenn Sie jetzt zurückschauen: Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden? Oder sagen Sie, eigentlich war es gut so, wie es gelaufen ist?
Andrea Rückblickend würde ich sagen, ich hätte noch mehr auf mein eigenes Gefühl vertrauen dürfen und mich weniger von aussen verunsichern lassen. Gerade beim ersten Kind ist das ja ganz menschlich. Man wird ständig mit Meinungen konfrontiert: Das ist nicht gut, das sollte man anders machen, jenes müsste so sein. Da würde ich heute mehr bei mir bleiben und mich fragen: Ist das wirklich so? Wie empfinde ich das selbst? Denn man kennt sein eigenes Kind ja am besten. Und auf dieses Gefühl hätte ich noch mehr vertrauen dürfen.
Oskar Jenni Wenn Sie zurückblicken: Was hätten Sie sich damals von den Fachpersonen und Lehrpersonen mehr gewünscht? Was hätte Ihnen geholfen, vielleicht auch von meiner Seite?
Andrea Ich glaube, es geht vor allem um Verständnis. Dass man sich als Eltern auch verstanden fühlt. Und dass die Fachpersonen offen bleiben und nicht einfach aus ihrer Rolle heraus sagen: So ist es, und so muss es sein. Ich verstehe die Lehrpersonen total. Sie haben einen sehr herausfordernden Job. Aber ich hätte mir manchmal gewünscht, dass sie noch etwas mehr auf das Kind und die Eltern eingehen und versuchen zu verstehen, wo sie gerade stehen.
Oskar Jenni Was würden Sie zum Schluss anderen Eltern mitgeben, die gerade in einer ähnlich schwierigen Situation sind?
Andrea Ich würde ihnen mitgeben, dass sie ihrem Kind immer das Gefühl geben sollen: Du bist richtig, so wie du bist. Dass sie ihr Kind stärken und ihm zeigen: Wir stehen an deiner Seite, wir sind für dich da und wir lieben dich genauso, wie du bist. Bedingungslos. Das Kind braucht einen Ort, an dem es auftanken kann. Denn von aussen bekommt es dieses Gefühl oft nicht. Ich glaube, es reicht manchmal schon, wenn ein einziger Mensch wirklich an das Kind glaubt. Es braucht diesen Anker, wo es weiss: Hier bin ich aufgehoben, hier darf ich sein, wie ich bin. Und wenn es diesen Halt nicht zu Hause findet, dann vielleicht bei den Grosseltern oder einer anderen Bezugsperson. Je mehr Menschen ein Kind hat, die ihm dieses Gefühl geben, desto besser kann es sich entwickeln und auch lernen, sich Unterstützung zu holen. Und gleichzeitig müssen Eltern gut auf sich selbst schauen. Denn es ist nicht einfach, für sein Kind da zu sein und ihm Kraft zu geben, wenn man selbst schon auf dem Zahnfleisch geht.
Oskar Jenni Ja, genau. Und dass man sich auch traut, Hilfe zu holen. Manchmal braucht es Mut, zu sagen: Ich kann nicht mehr, ich mag gerade nicht mehr. Und sich dann Unterstützung zu suchen, bei Verwandten, Freunden oder anderen Menschen im Umfeld. Gerade dafür sind sie ja auch da, wenn es einem nicht gut geht. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich immer wieder fragt: Wie viel Energie habe ich eigentlich noch? Und was brauche ich, um meine Batterien wieder aufzuladen? Damit ich danach auch wieder für mein Kind da sein kann.
Andrea Gibt es einen Rat, den Sie Eltern in einer schwierigen Situation besonders ans Herz legen möchten?
Oskar Jenni Wenn man in einer schwierigen Situation ist, vielleicht auch etwas verzweifelt, dann ist es wichtig, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Mit Freunden, Angehörigen oder auch mit Fachpersonen. Ich meine damit nicht unbedingt psychologische Unterstützung, sondern einfach den Austausch mit anderen. Dabei merkt man, dass man nicht allein ist. Dass es vielen Eltern ähnlich geht und Elternschaft eben auch herausfordernd sein kann. Und dann ist da noch etwas, das Sie bereits angesprochen haben: die Selbstfürsorge. Eltern neigen manchmal dazu, sich nur noch um die Bedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern und die eigenen zu vergessen. Aber wenn es einem selbst nicht gut geht, fehlt irgendwann die Kraft, für das Kind da zu sein. Deshalb braucht es immer wieder Zeit für sich selbst und auch für die Partnerschaft. Momente, in denen man nicht nur über Wäscheberge und die Wochenplanung spricht, sondern auch über das Leben, über Wünsche und Träume. Das finde ich ganz zentral.
Andrea Ja, das sehe ich auch so!
Oskar Jenni Vielen Dank für das Gespräch.
Andrea Vielen Dank. Und danke, dass ich hier sein durfte!
Oskar Jenni Chiaras Weg zeigt, wie viel Geduld und Vertrauen es manchmal braucht, ein Kind auf seinem Weg zu begleiten. Wie wichtig es ist, seine Eigenheiten anzunehmen, an seine Fähigkeiten zu glauben und ihm auch dann den Rücken zu stärken, wenn es schwierig wird. Und wie Eltern dabei selbst an ihre Grenzen kommen können. Danke fürs Zuhören und bis bald bei «Kompass Kindheit».
Podcast Kompass Kindheit
«Die berührendsten Geschichten über Kindheit entstehen dort, wo Menschen offen von ihren Erfahrungen erzählen.»
Kinder grosszuziehen wirft täglich neue Fragen auf. Oskar Jenni lädt ein – zu Gesprächen, die bewegen, ganz neuen Perspektiven, und Wissen das bleibt. Von den ersten Tagen nach der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter.

