Staffel 01 / Folge 02
Gaming – Wann wird Spielen zum Problem?
Oskar Jenni spricht mit dem Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Daniel Illy darüber, warum reine Bildschirmzeit wenig über eine Abhängigkeit aussagt und worauf es stattdessen wirklich ankommt. Eine Folge über Faszination und Kontrollverlust, über Vorurteile und echte Risiken – und darüber, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der digitalen Welt gelingen kann.
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Daniel Illy (Intro)
Die Zeit ist kein Abhängigkeitskriterium. Sie sagt nämlich nichts darüber aus, wie wir ein Medium nutzen. Ein schönes Beispiel ist: Eltern kommen montags in meine Sprechstunde und sagen: «Mein Sohn hat gestern acht Stunden gespielt, also ist er abhängig.» Dann entgegne ich oft: «Na ja, wenn er acht Stunden gelesen hätte – würden Sie ihn dann wegen Romansucht vorstellen?»
Oskar Jenni (Intro)
Willkommen zu Kompass Kindheit, dem Podcast über Kindheit, Entwicklung, Erziehung und das Zusammenleben mit Kindern. In dieser Folge geht es um Gaming und die Frage, wann aus einer Leidenschaft ein Problem werden kann. Ich spreche mit dem Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Daniel Illy. Wir reden darüber, warum die reine Bildschirmzeit wenig darüber aussagt, ob ein Jugendlicher abhängig ist. Woran Eltern einen problematischen Konsum erkennen können. Warum Games auch verbinden, entspannen und Lernerfahrungen ermöglichen. Und weshalb Verbote allein kaum weiterhelfen. Eine Folge über Faszination und Kontrollverlust, über Vorurteile und echte Risiken – und über einen verantwortungsvollen Umgang mit der digitalen Welt.
Oskar Jenni
Vielen Dank, Daniel Illy, dass du heute bei mir bist. Ich freue mich sehr. Du bist Kinder- und Jugendpsychiater und zugleich Erwachsenenpsychiater. Du beschäftigst dich intensiv mit Internetabhängigkeit, aber auch mit vielen anderen psychiatrischen Themen. Wie bist du zur Psychiatrie gekommen? Was hat dich daran fasziniert?
Daniel Illy
Vielen Dank für die Einladung. Ich habe mich sehr gefreut. Eigentlich wollte ich Kinderarzt werden. Da haben wir vielleicht etwas gemeinsam. An der Universität hatte ich die Kinder- und Jugendpsychiatrie als Wahlpflichtfach und habe gemerkt, dass mir das Gespräch mit Menschen und die Psychotherapie sehr viel Freude machen. Damals gab es in Berlin allerdings zunächst keine Stelle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Deshalb bin ich in der Erwachsenenpsychiatrie gestartet und erst vier Jahre später in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gewechselt. So bin ich letztlich dort gelandet.
Oskar Jenni
Da haben wir tatsächlich etwas gemeinsam. Ich bin Pädiater geworden und habe das Gespräch mit den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien immer sehr geschätzt. In der somatischen Medizin ist man oft sehr schnell unterwegs. In der Entwicklungspädiatrie hat man mehr Zeit für Gespräche und genau das hat mir immer gefallen. Interessant, dass wir da einen ähnlichen Weg hatten. Du beschäftigst dich heute intensiv mit digitalen Medien und ihrer Nutzung. Das Thema ist in aller Munde und gleichzeitig sehr komplex. Warum gerade dieses Thema? Was fasziniert dich daran?
Daniel Illy
Das hatte ich eigentlich gar nicht geplant. Ich wollte nie Experte auf diesem Gebiet werden. 2015 dachte ich zusammen mit einem Freund und Kollegen in Berlin: Wir spielen selbst gerne Videospiele – lass uns doch einmal mit Jugendlichen darüber sprechen. Erstaunlicherweise waren wir damit fast Pioniere. Es gab damals nur sehr wenige Angebote zu diesem Thema, was uns selbst überrascht hat. Ich hatte bereits einige Ratgeber geschrieben. Dann kamen Bücher zum Thema Gaming dazu, und eines führte zum anderen. Inzwischen habe ich die vierte Spezialsprechstunde gegründet und beschäftige mich seit über zehn Jahren damit. Dass sich das so entwickeln würde, hätte ich damals allerdings nicht gedacht.
Oskar Jenni
Du bist also selbst auch Gamer? Spielst du heute noch gelegentlich?
Daniel Illy
Ja, allerdings fehlt mir heute oft die Zeit. Ich kann natürlich nicht mehr den ganzen Tag spielen wie vielleicht als Jugendlicher. Aber ich freue mich immer noch auf neue Spiele, höre Podcasts zum Thema und verfolge die Entwicklungen. Ich bin also nach wie vor ziemlich nah an der Gaming-Welt dran.
Oskar Jenni
Was fasziniert dich persönlich am Gaming? Ist es für dich auch eine Möglichkeit, Stress abzubauen? Was gibt dir das Spielen?
Daniel Illy
Es ist sicherlich auch eine Möglichkeit, mit Stress umzugehen. Ich persönlich würde allerdings eher laufen gehen als Computerspiele spielen, um Stress abzubauen. Es gibt aber Videospiele, die mich tief beeindruckt haben. Ich lese wahnsinnig gerne und schaue viele Filme. Insgesamt habe ich einen sehr breiten Medienkonsum. Manche Computerspiele haben mich zum Weinen gebracht oder zum Nachdenken angeregt. Deshalb finde ich, dass man dieses Medium nicht unterschätzen sollte.
Oskar Jenni
Im Moment erleben wir eine sehr polarisierte Debatte. Auf der einen Seite stehen Gesellschaft, Politik und viele Eltern, die digitalen Medien sehr kritisch gegenüberstehen und Verbote fordern. Auf der anderen Seite steht die Wissenschaft, die ein deutlich differenzierteres Bild zeichnet. Das ist eine herausfordernde Situation. Was ist aus deiner Sicht die eigentliche Problematik im Zusammenhang mit digitalen Medien und Kindheit?
Daniel Illy
Ich glaube, da kommen viele Themen zusammen, über die wir heute noch sprechen werden. Zusammengefasst sehe ich vor allem ein Missverhältnis zwischen einem Medium, das längst zu unserem Alltag gehört, und dem Wissen, das wir darüber haben. Gerade soziale Medien nutzen wir noch gar nicht so lange. Facebook kam etwa 2007 oder 2008 auf, ich selbst hatte 2010 meinen ersten Facebook-Account. Das ist wissenschaftlich betrachtet praktisch erst gestern. Deshalb fehlt uns noch eine breite Datenbasis. Gleichzeitig gibt es auch noch zu wenige Menschen, die sich therapeutisch oder beratend mit diesem Thema beschäftigen – so wie wir in unserer Berliner Sprechstunde.
Natürlich gibt es Studien und wichtige Hinweise. Sie beschäftigen sich aber häufig vor allem mit den negativen Seiten. Wenn jemand wie ich sagt, dass Videospiele auch therapeutisch eingesetzt werden können und viel darüber verraten, was Menschen in einem Spiel suchen, trifft das oft auf bestehende Vorurteile.
Es hat sich allerdings einiges verändert. Heute begegnen mir deutlich weniger kritische Eltern als noch vor zehn Jahren. Trotzdem wirken frühere Debatten nach. Ich erinnere mich gut an die Zeit der sogenannten Killerspieldebatte. Damals wurde zum Beispiel behauptet, Videospiele machten dumm. Das entsprechende Buch wurde ein Bestseller, und viele Eltern kamen damit in meine Sprechstunde. Gleichzeitig konnte ich damals aber auch nicht zehn Studien auf den Tisch legen und sagen: «Nein, Videospiele machen nicht dumm.» Die Wahrheit lag – wie so oft – irgendwo dazwischen. Zwischen diesen Positionen zu vermitteln und gleichzeitig die Jugendlichen ernst zu nehmen, war oft ein echter Balanceakt.
Oskar Jenni
Ganz konkret: Wenn Eltern zu dir kommen und sagen: «Videospiele machen dumm. Das Internet macht dumm.» Was antwortest du ihnen?
Daniel Illy
Das hat viel mit der Therapieform zu tun, mit der ich arbeite. Sie basiert auf dem sogenannten Motivational Interviewing. Ich versuche, zunächst die Perspektive der Jugendlichen einzunehmen. Im Erstgespräch hören Eltern deshalb von mir manchmal den Satz: «Ich habe gestern auch Playstation gespielt und bin offensichtlich nicht dumm.» Auch heute schauen mich manche Eltern dann noch etwas irritiert an. Für sie ist es schwer vorstellbar, dass ein Chefarzt gerne Videospiele spielt. Vor zehn Jahren war das allerdings noch deutlich ausgeprägter.
Natürlich stoße ich Eltern mit solchen Aussagen manchmal vor den Kopf. Gleichzeitig verstehe ich ihre Sorgen sehr gut. Sie lehnen Videospiele ja nicht einfach aus Prinzip ab. Oft liegt bereits ein langer Leidensweg hinter ihnen. Häufig fehlen eigene Erfahrungen mit dem Medium oder es bestehen Vorurteile und Unsicherheiten. Das versuche ich in den Elterngesprächen aufzufangen. Ich arbeite parallel mit den Jugendlichen, allerdings nicht im Auftrag der Eltern. Die Eltern erhalten eigene Gesprächstermine und werden ebenfalls begleitet – manchmal sogar wöchentlich.
Oskar Jenni
Wenn man mit Eltern spricht, kommt fast immer dieselbe Frage: Wie viel darf mein Kind spielen? Wo liegt die Grenze? Und ab wann besteht das Risiko einer Sucht? Ich glaube, das ist eine der zentralen Fragen, die Eltern beschäftigen. Ehrlich gesagt habe ich sie mir als Vater auch gestellt, als meine Jungs jünger waren.
Daniel Illy
Ja, und genau hier muss ich viele Eltern – aber auch Kolleginnen und Kollegen – zunächst überraschen: Die Spielzeit ist kein Abhängigkeitskriterium. Aus gutem Grund. Denn die Zeit allein sagt nichts darüber aus, wie ein Medium genutzt wird. Ein typisches Beispiel: Eltern kommen montags in meine Sprechstunde und sagen: «Mein Sohn hat gestern acht Stunden gespielt, also ist er abhängig.» Dann frage ich: «Na ja, wenn er acht Stunden gelesen hätte – würden Sie ihn dann wegen Romansucht vorstellen?» Mit diesem überspitzten Beispiel möchte ich deutlich machen, dass wir auf andere Kriterien schauen müssen. Über die eigentlichen Suchtmerkmale sprechen wir gleich noch. Die Spielzeit kann höchstens ein Risikofaktor sein. Natürlich werde ich aufmerksam, wenn jemand berichtet, er spiele 18 oder 20 Stunden am Stück. Dann treffen in der Regel auch andere Suchtkriterien zu.
Aber wenn ein Jugendlicher in den verregneten Semesterferien einmal einen ganzen Tag spielt und ansonsten sein Leben gut im Griff hat, spricht das für sich allein noch nicht für eine Abhängigkeit. Die Spielzeit ist also allenfalls ein Risikofaktor – nicht das entscheidende Kriterium.
Oskar Jenni
Also: Die Zeit ist kein Kriterium dafür, ob jemand abhängig ist oder nicht. Sie ist höchstens ein Risikofaktor. Da stellt sich natürlich die Frage: Welche Kriterien gibt es denn, anhand derer man sagen kann, dass jemand süchtig ist?
Daniel Illy
Ich orientiere mich an den DSM-5-Kriterien. Dort wurde die Gaming Disorder 2013 zunächst als Forschungsdiagnose aufgenommen. Es gibt insgesamt neun Kriterien. Sie orientieren sich im Wesentlichen an den Kriterien der stoffgebundenen Abhängigkeit, wie wir sie zum Beispiel von der Alkoholabhängigkeit kennen, ergänzt durch einige Kriterien aus der Glücksspielsucht.
Dazu gehört zum Beispiel erstens die gedankliche Vereinnahmung. Man denkt ständig an Videospiele, obwohl man sich eigentlich mit etwas anderem beschäftigen sollte. Zweitens gibt es die Toleranzentwicklung. Das bedeutet, immer länger oder immer intensiver zu spielen oder ständig nach neuen Herausforderungen zu suchen. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist drittens die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. Und viertens der Kontrollverlust. Gerade Jugendliche erleben diesen oft selbst als sehr belastend. Ich habe zum Beispiel Jugendliche erlebt, die sagen: «Ich wollte am Sonntagabend eigentlich gar nicht weiterspielen. Ich konnte aber nicht mehr aufhören und bin dann ohne Schlaf in die Schule gegangen – obwohl mir mein Abitur wichtig ist.» Dann sind wir nicht mehr im Bereich von: «Ich bin sechzehn und mache Dinge anders als meine Eltern.» Dann hat der Jugendliche selbst einen Leidensdruck. Genau diesen möchte ich im ersten Gespräch verstehen. Weitere Kriterien sind zum Beispiel die Gefühlsregulation durch Medien. Das kennen wir in dieser Form von der Alkoholabhängigkeit nicht. Oder dass Betroffene andere Menschen belügen. Dieses Kriterium stammt ursprünglich aus der Glücksspielsucht. Bei Videospielen kann das bedeuten, dass Jugendliche ihren Eltern die Spielzeit verheimlichen. Das allein ist noch kein eindeutiges Zeichen. Jugendliche probieren Grenzen aus, das gehört auch zur Entwicklung. Wenn aber jemand seinen Freunden erzählt: «Ich kann heute nicht zum Fussball kommen, weil mein Opa gestorben ist», obwohl er die Zeit zum Spielen nutzen möchte, dann wird deutlich, dass wir es mit einem problematischen oder sogar abhängigen Konsum zu tun haben.
Oskar Jenni
Wenn ich das zusammenfasse, dann sollten Eltern also nicht in erster Linie auf die Spielzeit achten. Viel wichtiger ist die Frage: Was macht mein Jugendlicher sonst noch? Wie läuft es in der Schule? Nimmt er an den gemeinsamen Mahlzeiten teil? Trifft er sich noch mit Freunden? Gibt es neben dem Gaming noch ein Leben?
Daniel Illy
Ja, wobei dieses Leben natürlich altersgemäss aussehen muss. Manche Eltern haben sehr konkrete Vorstellungen davon, wie ihr Kind sein sollte oder welchen Berufsweg es einschlagen soll. Der Jugendliche selbst möchte das aber vielleicht gar nicht. Für mich gehören gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche über den Tag und Zeit miteinander zum Familienleben – unabhängig vom Alter. Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass sich Lebenswelten verändern. Vieles findet heute digital statt, und das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ein positiver Aspekt sozialer Medien ist zum Beispiel, dass ich mit anderen Menschen in Kontakt bleiben kann, ohne sie persönlich treffen zu müssen. Deshalb funktioniert der Satz «Geh doch raus und klettere auf Bäume» heute oft nicht mehr. Die Jugendlichen antworten dann: «Da draussen ist aber niemand, mit dem ich auf Bäume klettern könnte.»
Oskar Jenni
Ja – oder es gibt gar keine Bäume mehr.
Daniel Illy
Genau. Deshalb müssen wir einen guten Mittelweg finden. Es geht eben nicht nur um die Spielzeit, sondern um viele andere Faktoren. Und genau diese versuche ich gemeinsam mit den Jugendlichen und ihren Familien herauszuarbeiten.
Oskar Jenni
Man hört in den Medien immer wieder den Begriff Generation Lost. Es wird behauptet, die heutige Generation sei verloren. Wie viele Jugendliche sind tatsächlich betroffen? Wie viele sind wirklich abhängig? Ist das tatsächlich eine ganze Generation?
Daniel Illy
Nein, das halte ich für eine massive Übertreibung und ehrlich gesagt auch für eine problematische Wertung.Solche Debatten gab es schon immer. Jede Generation hört von der älteren, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Deine Generation genauso wie meine. Uns wurde damals zum Beispiel vorgeworfen, wir seien unpolitisch. Solche Urteile sind immer von den Erfahrungen der älteren Generation geprägt. Von einer Generation Lost zu sprechen, finde ich deshalb unverantwortlich. Das ist eine sehr starke Wertung. Ich war erst gestern hier in Zürich auf einer Veranstaltung, bei der viele junge Menschen zu Wort kamen. Es war beeindruckend zu sehen, wie intensiv sie sich mit psychischer Gesundheit beschäftigen. Sie fragen sich: Wie geht es mir? Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Wie kann ich auf andere achten? Diese Diskussionen haben wir in den 1990er-Jahren so kaum geführt. Dass sich junge Menschen heute so engagieren – sei es für Mental Health oder für den Klimaschutz –, ist eine grosse Errungenschaft. Digitale Medien sind dabei oft ein wichtiges Werkzeug. Deshalb ist diese Generation alles andere als verloren. Hinter solchen Aussagen steckt häufig eher die Haltung derjenigen, die sie aussprechen. Und genau diese Haltung sollten wir kritisch hinterfragen.
Um deine Frage zu beantworten: Ja, es betrifft durchaus einige Jugendliche. Wir sollten das Problem auf keinen Fall unter den Tisch kehren. Je nach Studie – zum Beispiel die DAK Mediensucht-Studie 2026
aus Deutschland oder anderen Untersuchungen – zeigen die Daten, dass etwa vier bis fünf Prozent der Jugendlichen von einem abhängigen Medienkonsum betroffen sind, wenn man die verschiedenen Formen der Internetsucht zusammen betrachtet. Problematischer Medienkonsum kommt sogar noch etwas häufiger vor. Damit bewegen wir uns in einer ähnlichen Grössenordnung wie bei anderen häufigen psychischen Störungsbildern, etwa Depressionen oder ADHS. Das ist also durchaus relevant.
Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen: Über 90 bis 95 Prozent aller jungen Menschen nutzen digitale Medien ohne eine Abhängigkeit zu entwickeln. Natürlich sind auch sie Risiken ausgesetzt, etwa problematischen Inhalten. Aber sie nutzen digitale Medien grundsätzlich gesund und nicht pathologisch. Und diese grosse Mehrheit sollten wir in der Diskussion nicht aus den Augen verlieren.
Oskar Jenni
Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Botschaft. Es gibt Kinder und Jugendliche, die tatsächlich betroffen und abhängig sind. Gleichzeitig gibt es aber eine grosse Mehrheit, die keine Sucht entwickelt. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum spielen Menschen überhaupt so gerne?
Daniel Illy
Ich glaube, der Mensch war schon immer ein spielendes Wesen. Selbst wenn Kinder überhaupt nichts zur Verfügung haben, beginnen sie Rollenspiele zu spielen oder bauen sich aus Stöcken und anderen Materialien ihre eigene Welt. Spielen liegt uns einfach nahe. Das gilt genauso für Brettspiele oder Kartenspiele. Spielen hat immer auch etwas Geselliges. Bei Videospielen kommen – je nach Spiel – weitere Aspekte hinzu. Das kann der Wettkampf mit anderen sein, zum Beispiel in einem Mehrspieler-Spiel. Es kann aber auch der soziale Austausch sein. Ich habe zum Beispiel einen Freund, der im Ausland lebt. Mit ihm spiele ich lieber online, als einfach zu telefonieren. Wir können uns dabei unterhalten und gleichzeitig etwas gemeinsam erleben. Wir könnten natürlich auch telefonieren – und genau das ist der entscheidende Punkt: Es gibt Alternativen. Andere suchen in Videospielen eine gute Geschichte, wieder andere eine logische oder strategische Herausforderung. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, weshalb Menschen gerne spielen.
Oskar Jenni
Lernen Kinder und Jugendliche beim Gaming eigentlich auch etwas? Gibt es entwicklungsfördernde Aspekte von Videospielen?
Daniel Illy
Ja, absolut. Wir sammeln in unseren Gruppen oft gemeinsam Vor- und Nachteile von Videospielen. Bei den Nachteilen werden Dinge wie Sucht oder eine ungünstige Körperhaltung genannt. Bei den Vorteilen kommt aber ebenfalls sehr viel zusammen. Viele Jugendliche verbessern zum Beispiel ihr Englisch, weil sie Videospiele oder Serien auf Englisch nutzen. Das ersetzt natürlich keinen Englischunterricht, aber es kann die Sprachkenntnisse durchaus fördern. Ähnlich ist es mit sogenannten Gamification-Ansätzen, etwa in Sprachlern-Apps. Sie können das Lernen motivierender machen, sollten den eigentlichen Lernprozess aber nicht ersetzen. Darüber hinaus können Videospiele logisches Denken, strategisches Planen und Teamarbeit fördern. Gerade Online-Rollenspiele oder andere kooperative Spiele enthalten oft ausgeprägte soziale Elemente. Unterschiedliche Personen übernehmen verschiedene Rollen und koordinieren sich miteinander. Solche Erfahrungen können später durchaus auch im Berufsleben hilfreich sein.
Oskar Jenni
Einer meiner Söhne hat früher relativ viel gespielt, ist aber nie abhängig geworden. Wenn wir sagen, dass 90 bis 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen keine Abhängigkeit entwickeln, obwohl viele viel spielen, stellt sich natürlich die Frage: Was schützt sie? Welche Schutzfaktoren gibt es?
Daniel Illy
Da stossen wir wieder an die Grenzen der Forschung. Es gibt dazu noch nicht genügend Studien, sodass man vieles nur vermuten kann. Natürlich gibt es erste Arbeiten, die sich zum Beispiel mit Persönlichkeitsmerkmalen beschäftigen. Aus meiner eher klinischen Perspektive spielt aber vor allem das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. Gibt es eine Familie, die Alternativen anbietet? Oder gibt es Eltern, die selbst sehr viel spielen oder bei denen ständig Gaming-Videos oder Let's Plays im Wohnzimmer laufen? Das macht durchaus einen Unterschied. Ein weiterer wichtiger Schutzfaktor sind alternative Freizeitangebote. Ich weiss nicht genau, wie die Situation in der Schweiz ist. In Deutschland beobachten wir seit Jahren, dass Freizeitangebote zurückgehen, Sportvereine schliessen oder Projekte nicht mehr finanziert werden. Zusammen mit den Auswirkungen der Pandemie führt das dazu, dass Kinder und Jugendliche noch mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen.
Oskar Jenni
Das sehen wir teilweise auch in unseren Studien. In den letzten dreissig Jahren sind Kinder zunehmend aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Früher haben Kinder selbstverständlich auf der Strasse gespielt. Heute tun sie das kaum noch. Dahinter steht natürlich auch ein Schutzgedanke. Tatsächlich haben wir heute deutlich weniger Unfälle bei Kindern und Jugendlichen. In diesem Bereich hat der Schutz also durchaus etwas bewirkt. Gleichzeitig hat er aber auch dazu geführt, dass Kinder aus dem öffentlichen Raum verdrängt wurden. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft überlegen, wie wir ihnen diesen Raum wieder stärker zurückgeben können.
Daniel Illy
Genau. Deshalb halte ich es für wichtig, dass Kinder und Jugendliche attraktive Alternativen haben. Solche Angebote wirken ganz klar schützend. Und natürlich spielt auch die psychische Gesundheit eine Rolle. Wenn jemand zusätzlich eine psychische Erkrankung hat, die einen problematischen Medienkonsum begünstigt, erhöht das das Risiko. Gleichzeitig kann diese Erkrankung behandelt werden – und damit entsteht wiederum ein wichtiger Schutzfaktor.
Oskar Jenni
Das ist auch etwas, was ich in meiner Sprechstunde häufig erlebe. Wir sehen Kinder und Jugendliche mit ADHS oder mit autistischen Besonderheiten. Dabei frage ich mich oft: Was ist Henne und was ist Ei? Führt eine Aufmerksamkeitsproblematik dazu, dass Jugendliche ständig diese intensiven Reize suchen? Oder führen die vielen digitalen Reize dazu, dass Aufmerksamkeitsprobleme entstehen? Wie siehst du das?
Daniel Illy
Das ist tatsächlich eine sehr schwierige Frage. Der Vergleich mit Henne und Ei trifft es ziemlich gut. In unserem Ratgeber haben wir das sogar illustriert – mit einem Huhn neben einem Ei, das ein Gamepad in der Hand hält. Einfach weil man die Frage nicht eindeutig beantworten kann. Letztlich ist das sehr individuell und von Patient zu Patient unterschiedlich. Trotzdem lassen sich einige grundsätzliche Zusammenhänge beschreiben.
Beim Autismus erleben wir häufig, dass Videospiele ein besonderes Interesse aufgreifen. Der Autismus besteht natürlich bereits vorher als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das besondere Interesse kann sich dann zum Beispiel darin zeigen, dass jemand stundenlang Simulatoren spielt – ähnlich wie andere stundenlang Bücher über technische Maschinen lesen würden.
Bei ADHS wird häufig vermutet, dass Videospiele die Aufmerksamkeit verschlechtern. Ich sehe das eher umgekehrt. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene mit ADHS suchen genau diese intensive Reizumgebung. Eltern fragen mich oft: «Warum kann mein Kind stundenlang konzentriert vor dem Computer sitzen, aber keine halbe Stunde Hausaufgaben machen?» Videospiele bieten eine enorme Reizdichte. Wer einmal ein E-Sport-Turnier beobachtet, sieht, wie viele Informationen gleichzeitig auf dem Bildschirm passieren. Genau dieses Reizmuster suchen viele Menschen mit ADHS, weil es ihnen hilft, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln. Videospiele können sie in gewisser Weise sogar beruhigen. Deshalb glaube ich eher nicht, dass Videospiele ADHS verursachen oder die Aufmerksamkeit grundsätzlich verschlechtern.
Natürlich gibt es kurzfristige Effekte. Direkt nach intensiver Handynutzung lernt man zum Beispiel schlechter. Das ist gut belegt. Ich vermute aber, dass wir vor allem neue Formen der Informationsverarbeitung gelernt haben. Meine Generation hat sich Informationen anders angeeignet als die jüngere Generation. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Aufmerksamkeitsspanne geringer geworden ist. Dafür ist die Studienlage bisher nicht eindeutig genug.
Ich habe dazu ein schönes Beispiel. Ich war mit einer grösseren Gruppe in Kopenhagen im Urlaub. Meine Eltern hätten sich wahrscheinlich einen Reiseführer gekauft. Ich habe YouTube-Videos angeschaut. Und die damals Anfang Zwanzigjährigen haben sich mit einem 10 Sekunden Video informiert. Das bedeutet aber nicht, dass sie eine geringere Aufmerksamkeitsspanne haben. Sie sind einfach daran gewöhnt, Informationen auf eine andere Art und Weise aufzunehmen.
Oskar Jenni
Ja, diese enorme Beschleunigung erleben wir nicht nur in der digitalen Welt, sondern insgesamt in unserer Gesellschaft. Jugendliche nehmen Informationen heute oft in wenigen Sekunden auf, manchmal sogar in noch kürzeren Sequenzen. Wir Älteren kommen bei diesem Tempo manchmal kaum noch mit. Ich persönlich greife auf Reisen übrigens immer noch lieber zu einem klassischen Reiseführer. Irgendwie fühle ich mich mit diesem langsameren Zugang einfach wohler.
Etwas sehr Spannendes ist der Geschlechtsunterschied. Mädchen nutzen häufiger soziale Netzwerke, Jungen spielen häufiger Videospiele. Woran liegt das? Was steckt dahinter?
Daniel Illy
Vor etwa zehn Jahren war es tatsächlich so, dass fast nur Jungen in meine Sprechstunde kamen. Mädchen tauchten in den Beratungsangeboten praktisch gar nicht auf. Ich glaube, ein wichtiger Grund ist, dass Mädchen sozial erwünschter konsumieren. Jungen spielen in Anführungszeichen gewalthaltige Videospiele und werden deshalb von ihren Eltern vorgestellt. Mädchen «chatten nur» und fallen dadurch weniger auf. Das hat bei mir den Wunsch geweckt, Mädchen gezielter zu erreichen. Denn Studien – zum Beispiel die Studie zur Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA) | BMG – zeigten, dass jugendliche Mädchen durchaus häufig von problematischem Medienkonsum betroffen sind. Gleichzeitig passte das überhaupt nicht zu meiner klinischen Erfahrung. Als ich 2010 meine Daten ausgewertet habe, waren 35 Jungen und nur ein einziges Mädchen in meiner Sprechstunde. Das konnte einfach nicht stimmen. Deshalb habe ich begonnen, mich intensiver mit sozialen Medien zu beschäftigen, einen eigenen Ratgeber zu schreiben und entsprechende Therapieangebote zu entwickeln. Trotzdem nehmen Mädchen solche Angebote bis heute deutlich seltener in Anspruch. Ihre Probleme sind oft weniger offensichtlich. Sie treffen sich vielleicht noch mit ihren Freundinnen im Park, sitzen dort aber alle am Handy. Der Junge hingegen geht nicht mehr zum Fussballtraining und spielt nur noch zu Hause. Ich vereinfache das bewusst etwas, aber genau dadurch fallen Jungen oft früher auf. Dabei sind Mädchen teilweise sogar stärker gefährdet. Sie erleben in sozialen Netzwerken häufiger problematische Situationen wie Cybergrooming oder andere Formen digitaler Belastung. Deshalb müssen wir Mädchen besser erreichen und motivieren, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Warum Mädchen häufiger soziale Medien nutzen und Jungen häufiger spielen, hat wahrscheinlich auch biologische Ursachen. Soziale Medien sind stärker kommunikativ geprägt und beschäftigen sich oft mit Beziehungen und Gefühlen. Videospiele sprechen teilweise andere Interessen an – wobei auch das natürlich nicht pauschal gilt. Hinzu kommt, dass Jungen häufig schon früh an Videospiele herangeführt werden. Der Vater sagt vielleicht: «Komm, ich zeige dir mal dieses Spiel.» Mädchen werden in diesem Bereich oft sich selbst überlassen, was sie unter Umständen sogar stärker gefährden kann.
Oskar Jenni
Wir sehen ja insgesamt einen deutlichen Gender Gap. Mädchen sind häufiger von psychischen Belastungen betroffen als Jungen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob das Spielen bei Jungen vielleicht sogar einen gewissen Schutz darstellt. Ob Gaming ihnen hilft, mit Belastungen umzugehen. Das ist allerdings eher eine Hypothese.
Daniel Illy
Ich finde das eine spannende Hypothese. Gleichzeitig ist sie wissenschaftlich sehr schwer zu überprüfen. Möglicherweise spielt Gaming tatsächlich eine gewisse Rolle. Ich glaube aber, dass vor allem biologische Faktoren wichtig sind. Mädchen und Frauen scheinen grundsätzlich vulnerabler für bestimmte psychische Erkrankungen zu sein. Dazu kommen gesellschaftliche Rollenbilder. Jungen lernen häufig noch immer, dass sie nicht schwach sein dürfen, nicht weinen sollen und ihre Gefühle eher für sich behalten. Deshalb vermute ich, dass die tatsächlichen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen vielleicht kleiner sind, als wir denken. Ein gutes Beispiel sind männliche Depressionen, die häufig gar nicht erkannt werden, weil sie sich eher durch Gereiztheit als durch Traurigkeit zeigen. Wahrscheinlich ist es letztlich eine Kombination aus biologischen und sozialen Faktoren.
Oskar Jenni
Wir haben jetzt über mögliche Schutzwirkungen von Gaming gesprochen. Es gibt aber auch die umgekehrte Diskussion: Seit Jahrzehnten wird behauptet, Gewaltspiele, sogenannte Killerspiele oder Ego-Shooter machten aggressiv und führten dazu, dass Menschen im wirklichen Leben Gewalt ausüben. Wo stehen wir heute in dieser Diskussion?
Daniel Illy
Auch hier ist die Studienlage leider nicht eindeutig. Es gibt Hinweise in beide Richtungen, und das Thema ist wissenschaftlich ausgesprochen schwierig zu untersuchen. Ich kenne zum Beispiel Studien, in denen eine Gruppe Tetris spielte und die andere einen Ego-Shooter. Anschliessend wurde Aggressivität daran gemessen, wie viel Chili die Teilnehmenden dem Essen einer anderen Person beigaben. Solche Messverfahren sind natürlich sehr konstruiert. Man kann Menschen aus ethischen Gründen ja nicht miteinander kämpfen lassen. Deshalb werden wir wahrscheinlich auch in Zukunft keine so eindeutigen Antworten bekommen wie in anderen Forschungsbereichen.
Ich halte allerdings die öffentliche Debatte für problematisch. Das sage ich sowohl aus klinischer Erfahrung als auch aus persönlicher Erfahrung. Nach den Amokläufen in Deutschland Anfang der 2000er-Jahre wurde die Killerspieldebatte sehr intensiv geführt. Einige Politiker haben sie stark vorangetrieben. Und auch heute flammt sie immer wieder auf. Dabei wird oft übersehen, dass es nie nur eine einzige Ursache gibt. Nur weil jemand Counter-Strike gespielt hat, wird er nicht zum Amokläufer. Natürlich werde ich hellhörig, wenn jemand seine Schule im Spiel nachbaut. Aber viel wichtiger sind Fragen wie: Wie ist dieser Mensch aufgewachsen? Welche Strategien zur Konfliktlösung hat er gelernt? Wird er gemobbt? Welche psychischen Belastungen bringt er mit? Diese Faktoren sind aus meiner Sicht deutlich relevanter.
Ich kann aber auch verstehen, dass Menschen, die selbst keinen Bezug zu Videospielen haben, Berührungsängste entwickeln. Counter-Strike wird ja nicht gespielt, weil jemand Gewalt erleben möchte, sondern weil das Spiel taktisch anspruchsvoll ist. Die Gewaltdarstellung dient innerhalb des Spiels als Rückmeldung darüber, ob die eigene Strategie erfolgreich war. Das klingt zunächst vielleicht befremdlich. Selbst ich merke manchmal auf Kongressen, dass ich beim Erklären ins Stocken gerate, weil ich das Spiel selbst kenne und dadurch eine gewisse Gewöhnung entwickelt habe.
Vielleicht hilft der Vergleich mit Schach. Niemand würde Schach als gewalttätiges Spiel bezeichnen. Wir denken sofort an Strategie und Logik. Man könnte Schach aber genauso brutal darstellen: Pferde sterben, Bauern werden geopfert. Im ersten Harry-Potter-Film wird genau das eindrücklich gezeigt. Plötzlich wirkt Schach bedrohlich, obwohl sich am eigentlichen Spiel nichts geändert hat. Genau für diese Perspektive möchte ich sensibilisieren. Wenn wir Spielerinnen und Spielern einfach sagen: «Du spielst Gewaltspiele, also bist du gewalttätig», schaffen wir Gräben, anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen.
Oskar Jenni
Wenn wir sagen, Videospiele würden Gewalt fördern und die Gesellschaft gefährden, reagiert die Politik oft sehr schnell mit Verboten. Genau das erleben wir im Moment. Man denke nur an Australien. In den kommenden Monaten und Jahren wird sich zeigen, welche Folgen dieses Experiment hat. Verbote wirken auf den ersten Blick einfach: Man verbietet die Nutzung bis zu einem bestimmten Alter. Aber welche Vor- und Nachteile haben solche Verbote eigentlich? Welche Risiken bringen sie mit sich?
Daniel Illy
Ja. Ein Verbot allein löst die Probleme nicht. Auch innerhalb der Fachwelt sind wir uns darüber keineswegs einig. Gerade dazu gibt es intensive Diskussionen. Ich bin sehr gespannt, was das australische Experiment zeigen wird. Ich habe auch mit Kolleginnen und Kollegen dort guten Kontakt und bin eher skeptisch. Zum einen lassen sich Verbote relativ leicht umgehen, etwa mit einem VPN, sodass man den Eindruck erweckt, sich in einem anderen Land zu befinden. Zum anderen zeigen historische Beispiele wie die Prohibition in den USA, dass Verbote oft nicht den gewünschten Effekt haben.
Mir ist aber vor allem etwas anderes wichtig: Wir führen diese Diskussion häufig, ohne die jungen Menschen einzubeziehen, die davon betroffen sind. Viele Jugendliche sagen mir, dass sie sich dabei gar nicht gehört fühlen. Als Gesellschaft haben wir es schlicht versäumt, uns in den letzten zehn Jahren ernsthaft mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Viele der Debatten führen wir heute zum ersten Mal, obwohl digitale Medien längst zum Alltag gehören. Jetzt einfach zu sagen: «Pech gehabt, wir haben uns zu spät darum gekümmert, deshalb verbieten wir es jetzt», halte ich für den falschen Weg.
Ich kenne allerdings auch Kolleginnen und Kollegen, die ein zeitlich begrenztes Verbot befürworten, um überhaupt Zeit zu gewinnen und sinnvolle Massnahmen zu entwickeln. Wenn wir diesen Weg gehen, dann sollten wir ihn gemeinsam mit jungen Menschen gestalten und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Aus meiner Sicht müssen vor allem die grossen Plattformen und Konzerne stärker in die Verantwortung genommen werden. In anderen Bereichen regulieren wir Märkte selbstverständlich auch. Deshalb würde ich mir eine europäische Gesamtlösung wünschen. TikTok hat nicht automatisch das Recht, den europäischen Markt zu dominieren. De facto tut das Unternehmen es aber. Hier sind wir bisher sehr liberal und lassen vieles zu, ohne uns ausreichend mit den Folgen auseinanderzusetzen.
Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Meine Bitte wäre aber, die Lösungen gemeinsam mit den Jugendlichen zu erarbeiten und nicht vorschnell auf Verbote zu setzen.
Oskar Jenni
Ich habe von Kolleginnen und Kollegen gehört, dass sich im Zusammenhang mit dem australischen Experiment die soziale Ungleichheit sogar noch verstärkt hat. Eltern aus mittleren und höheren sozialen Schichten können ein solches Verbot oft gemeinsam mit ihren Jugendlichen umsetzen, darüber sprechen und Alternativen entwickeln. In sozial benachteiligten Familien wird ein Verbot dagegen teilweise sehr autoritär durchgesetzt. Die Jugendlichen suchen sich dann andere Zugangswege. Oder die Nutzung wird überhaupt nicht mehr begleitet. Beides ist problematisch.
Daniel Illy
Genau deshalb brauchen wir Medienkompetenz – und zwar auf allen Ebenen. Familien sollten gemeinsam darüber sprechen, wie sie mit digitalen Medien umgehen möchten. Dabei dürfen wir auch die positiven Seiten sozialer Medien nicht vergessen.
Als ich zur Schule ging und mich fragte, ob ich auf Jungen oder Mädchen stehe, musste ich jemanden finden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Heute kann sich ein junger Mensch in einer grossen Online-Community mit anderen austauschen und dort Unterstützung und Zugehörigkeit erleben. Das sind wichtige Schutzfaktoren, die soziale Medien ebenfalls bieten. Ich orientiere mich dabei an Studien, die zeigen, dass es Kindern und Jugendlichen am besten geht, wenn sie soziale Medien in einem regulierten und ausgewogenen Mass nutzen. Natürlich geht es ihnen schlechter, wenn sie abhängig werden oder soziale Medien exzessiv nutzen. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Aber Studien zeigen auch, dass es ihnen nicht unbedingt besser geht, wenn sie digitale Medien überhaupt nicht mehr nutzen können. Das wäre ein bisschen so, als würden wir wieder zur Dampfmaschine zurückkehren.
Wir Erwachsenen möchten ja auch nicht wieder zur Bank gehen und Überweisungsträger ausfüllen. Wir schätzen Onlinebanking oder PayPal, weil sie den Alltag erleichtern. Warum sollte das bei jungen Menschen grundsätzlich anders sein?
Oskar Jenni
Das ist ein interessanter Punkt. Viele Studien beschreiben heute eine moderate Nutzung tatsächlich als gesundheitsförderlich. Man spricht manchmal auch vom Goldlöckchen-Effekt: nicht zu viel, aber eben auch nicht gar nichts. Vielleicht ist genau dieser Mittelweg der richtige. Jugendliche müssen lernen, kompetent mit digitalen Medien umzugehen. Es kann ja nicht die Lösung sein zu sagen: Bis achtzehn gar nichts – und danach plötzlich alles. Beim Alkohol sehen wir etwas Ähnliches. Auch dort muss man lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen und die eigenen Grenzen kennenzulernen.
Daniel Illy
Ja, der Vergleich klingt vielleicht etwas provokativ, trifft den Kern aber ganz gut. Alkohol gehört in unserer Gesellschaft zum Alltag. Kinder und Jugendliche erleben den Umgang der Erwachsenen damit und entwickeln nach und nach ihre eigene Haltung.
Genauso ist es mit digitalen Medien. Medienkompetenz entsteht nicht durch Verbote, sondern dadurch, dass man sich begleitet und reflektiert mit diesen Medien auseinandersetzt.
Oskar Jenni
Was können Eltern ganz konkret im Alltag tun, wenn sie das Gefühl haben, dass der Medienkonsum ihres Kindes zu viel wird? Zeitlimits sind ja immer das grosse Thema.
Daniel Illy
Zeitlimits können durchaus hilfreich sein. Gleichzeitig ist jedes Kind anders. Wichtiger als eine feste Zeitvorgabe ist aus meiner Sicht die Frage: Wie reagiert mein Kind auf Medien? Das beginnt heute schon im frühen Kindesalter. Eltern sollten ihr Kind begleiten und beobachten. Wie reagiert es nach einer Folge Peppa Wutz? Kann es danach problemlos ausschalten oder gibt es jedes Mal Streit? Geht es dem Kind nach dem Medienkonsum besser oder schlechter? Wenn Eltern das aufmerksam begleiten, entwickeln Kinder nach und nach auch selbst einen guten Umgang mit Medien.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass das nicht alle Eltern leisten können. Es wäre unrealistisch, ihnen allein diese Verantwortung zu übertragen. Manche Eltern sind selbst psychisch belastet, alleinerziehend oder stehen unter grossem Druck. Deshalb versuche ich in der Elternarbeit immer, die ganze Familie einzubeziehen. Eltern reflektieren dabei auch ihren eigenen Medienkonsum. Denn es wirkt wenig glaubwürdig, wenn man die Kinder ins Bett schickt und anschliessend selbst noch fünf Stunden Netflix schaut. Ich finde es sogar hilfreich, wenn Kinder ihre Eltern darauf aufmerksam machen dürfen. Wenn ein Kind sagt: «Papa, leg doch bitte das Handy weg – wir essen gerade», dann entsteht das Gefühl, dass die Familie dieses Thema gemeinsam angeht. Digitale Medien sind etwas sehr Persönliches. Das soll an vielen Stellen auch so bleiben. Eltern sollten zum Beispiel nicht heimlich die Nachrichten ihrer Kinder lesen. Jugendliche haben ein Recht auf Privatsphäre. Gleichzeitig sollten sie wissen, wann sie Hilfe holen dürfen. Wenn ihnen zum Beispiel jemand schreibt: «Schick mir ein Foto deiner Füsse, ich überweise dir Geld», dann sollten sie das ihren Eltern erzählen können. Dorthin kommt man aber nur, wenn man das Thema gemeinsam angeht und Eltern unterstützt, denen das alleine schwerfällt.
Oskar Jenni
Wann würdest du Eltern raten, sich professionelle Hilfe zu holen?
Daniel Illy
Wenn die Massnahmen innerhalb der Familie nicht mehr ausreichen. Wenn es nur noch Streit gibt oder Eltern das Gefühl haben, immer häufiger mit Strafen, Verboten oder Eskalationen reagieren zu müssen. Davon würde ich eher abraten. Ich habe auch schon erlebt, dass Eltern zu sehr drastischen Massnahmen gegriffen haben, um ihre Kinder vom Medienkonsum abzuhalten. Spätestens dann sollte man professionelle Hilfe suchen.
Die erste Anlaufstelle kann durchaus der Kinderarzt oder die Hausärztin sein. Zum Glück gibt es inzwischen auch immer mehr Beratungsstellen. Über die Suchfunktion des Fachverbands Medienabhängigkeit (Suche) findet man häufig Angebote in der eigenen Region. Es gibt zwar noch immer zu wenige spezialisierte Angebote, aber meistens findet sich zumindest eine Beratungsstelle, an die man sich wenden kann. Es muss ja nicht gleich eine psychiatrische Behandlung sein. Entscheidend ist, sich Unterstützung zu holen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Oskar Jenni
Wie arbeitest du therapeutisch mit Jugendlichen, die einen problematischen Medienkonsum haben?
Daniel Illy
Zunächst versuche ich zu verstehen, warum der Medienkonsum so wichtig geworden ist. Was steckt dahinter? Welche Funktion erfüllt er? Dafür braucht es oft drei oder vier Einzelgespräche – zunächst ohne die Eltern. Jugendliche erzählen dann zum Beispiel, dass sie sich einsam fühlen oder im Fussballverein gemobbt wurden, weil sie übergewichtig sind. Online erleben sie dagegen, dass sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Dort fühlen sie sich aufgehoben.
Wenn ich das verstehe, entsteht ein therapeutischer Auftrag. Dann kann ich auch den Eltern erklären, warum ihr Kind so viel Zeit online verbringt.
Ich arbeite seit vielen Jahren gerne mit Gruppentherapien. Wir treffen uns einmal pro Woche und beschäftigen uns gemeinsam mit dem Thema Medien. Die Therapie basiert auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien und auf der motivierenden Gesprächsführung. Es geht darum, dass die Motivation zur Veränderung aus den Jugendlichen selbst heraus entsteht. Die Gruppe unterstützt diesen Prozess sehr gut. Einmal während der Therapie gehen wir auch gemeinsam bouldern. Das ist jedes Mal ein besonderes Erlebnis und macht mir grosse Freude.
Oskar Jenni
Vielen Dank, Daniel, dass du heute hier warst. Du hast mehrere Bücher und Ratgeber für Kinder, Jugendliche und Eltern geschrieben. Es lohnt sich wirklich, sie anzuschauen. Sie sind verständlich geschrieben und schön illustriert. Nochmals herzlichen Dank für das Gespräch.
Daniel Illy
Ich habe zu danken.
Oskar Jenni (Outro)
Gaming kann unterhalten, verbinden, herausfordern und sogar berühren. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Stunden ein Jugendlicher spielt. Entscheidend ist vielmehr, ob er noch schlafen kann, zur Schule geht, Freundschaften pflegt, am Familienleben teilnimmt und sein Spielverhalten selbst steuern kann. Wenn das nicht mehr gelingt, Konflikte eskalieren oder andere Lebensbereiche zunehmend in den Hintergrund geraten, dürfen Eltern Unterstützung suchen. Digitale Medien gehören zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Unsere Aufgabe ist deshalb nicht, sie pauschal zu verurteilen, sondern interessiert zu bleiben, Orientierung zu geben, Grenzen zu setzen und gemeinsam einen guten Umgang mit ihnen zu finden. Danke fürs Zuhören. Bis zur nächsten Folge von Kompass Kindheit.
Hilfreiches
Ratgeber Daueronline in Sozialen Netzwerken:
Unterschätzte Gefahr der Abhängigkeit von Instagram
von Dr. med. Daniel Illy
Der Ratgeber erklärt verständlich, wie problematische Social-Media-Nutzung entsteht, woran Eltern Warnzeichen erkennen und wie sie ihre Kinder wirksam begleiten können.
Ratgeber Videospiel- und Internetabhängigkeit:
Hilfe für den Alltag
von Dr. med. Daniel Illy
Ein praxisnaher Leitfaden mit konkreten Empfehlungen für Familien, wenn die Nutzung von Videospielen oder digitalen Medien zum Problem wird.
Website von Dr. med. Daniel Illy
Hier finden Sie weitere Informationen zu Daniel Illy, seiner Arbeit sowie Beiträge und Interviews zum Thema Mediennutzung und Medienabhängigkeit.
ASKLEPIOS
Betroffene Familien finden hier Informationen zu Diagnostik, Beratung und Behandlung bei problematischer Mediennutzung und Medienabhängigkeit.
Beratungs- und Anlaufstellen
Wenn Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Kind oder ein Familienmitglied eine problematische Mediennutzung entwickelt hat, finden Sie hier spezialisierte Beratungs- und Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige.
Podcast Kompass Kindheit
«Die berührendsten Geschichten über Kindheit entstehen dort, wo Menschen offen von ihren Erfahrungen erzählen.»
Kinder grosszuziehen wirft täglich neue Fragen auf. Oskar Jenni lädt ein – zu Gesprächen, die bewegen, ganz neuen Perspektiven, und Wissen das bleibt. Von den ersten Tagen nach der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter.

