Staffel 01 / Folge 03
Eltern sein. Paar bleiben – Wie gute Gespräche Kinder stärken
In dieser persönlichen Folge spricht Oskar Jenni mit seiner Partnerin Patricia Lannen, klinische und Entwicklungspsychologin, über ihr gemeinsames Buch «101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder». Es geht darum, warum echter Austausch als Paar der Partnerschaft – und damit auch den Kindern – guttut, und wie gute Gespräche im Familienalltag überhaupt gelingen können.
-
Oskar Jenni (Intro) Willkommen zu Kompass Kindheit. Das ist eine ganz besondere Folge, die ich gemeinsam mit Patricia Lannen mache. Patricia ist klinische Psychologin, Entwicklungspsychologin und Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind. Patricia ist auch meine Partnerin. Wir leben zusammen und tauschen uns natürlich sehr viel aus. Dabei geht es nicht nur um unseren Beruf, sondern auch um unsere Familie. In den letzten Jahren haben wir gemeinsam ein ganz besonderes Buch geschrieben. Ein Buch mit 101 Fragen – und keiner einzigen Antwort. Ein Buch, das Paare und Eltern miteinander ins Gespräch bringen soll. Denn dieser Dialog kommt letztlich den Kindern zugute.
Patricia Lannen Das Buch heißt 101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder. Uns ist damals aufgefallen, dass es viele Karten- und Fragespiele für Paare gibt. Sie laden zum Austausch ein, tun aber oft so, als hätten Paare keine Kinder. Wir haben nichts gefunden, das Paare ausdrücklich in ihrer Rolle als Eltern anspricht – obwohl Kinder einen so großen Teil des gemeinsamen Lebens ausmachen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Idee entstanden ist. Wir saßen in einem Restaurant und beobachteten andere Paare. Wir stellten uns vor, dass sie sich einen Abend zu zweit gönnten. Gleichzeitig hatten wir das Gefühl, dass viele gar nicht so recht wussten, worüber sie eigentlich sprechen wollten.
Oskar Jenni Daraufhin haben wir begonnen, Fragen zu sammeln und sie auf die Rückseite der Speisekarte zu schreiben. Irgendwann war die Karte voll. Also fragten wir den Kellner nach einer zweiten Speisekarte und sagten: «Wir schreiben gerade ein Buch.» Er hat uns ziemlich ungläubig angeschaut. Ich glaube, wir haben an diesem Abend rund 150 Fragen notiert. Am Ende wurden daraus 101 Fragen – und das war der eigentliche Startschuss für dieses Buch.
Patricia Lannen Das Buch enthält bewusst nur Fragen und keine Antworten. Wir erleben in unserer Arbeit immer wieder, dass Eltern durch die Vielzahl an Ratgebern verunsichert sind. Sie fragen uns oft: «An welchem Ratgeber sollen wir uns orientieren?» Das Schöne an Fragen ist, dass man die Antworten selbst finden kann. Man kommt ins Gespräch und überlegt gemeinsam, was für die eigene Familie und die eigene Partnerschaft wirklich passt.
Oskar Jenni Genau das war auch unser Wunsch. Wir wollten Eltern etwas mitgeben, das sie im Familienalltag nutzen können. Etwas, das sie dazu anregt, miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn Familie bedeutet auch, miteinander zu reden. In diesem Sinn kann das Buch eine schöne Unterstützung sein.
Patricia Lannen Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Was passiert eigentlich mit einer Partnerschaft, wenn Kinder auf die Welt kommen?
Oskar Jenni Zunächst einmal passiert etwas Wunderschönes. Mit einem Baby beginnt eine neue Reise – eine gemeinsame Reise mit einem neuen Menschen. Das Besondere ist: Man war vorher zu zweit, und plötzlich ist man zu dritt. Da kommt ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen, der Aufmerksamkeit, Nähe und Fürsorge braucht. Das verändert eine Partnerschaft grundlegend. Man ist eben nicht mehr einfach nur ein Paar.
Patricia Lannen Auch die Kommunikation verändert sich. Plötzlich beschäftigen einen vor allem Alltagsthemen: Wer kocht heute? Wer kauft ein? Wer holt das Kind von der Kita ab? Gleichzeitig bleibt oft weniger Zeit, weniger Energie und weniger Raum, um sich über sich selbst oder über Themen auszutauschen, die einem persönlich wichtig sind. Die Forschung zeigt tatsächlich, dass sich die Kommunikation verändert. Paare öffnen sich mit der Zeit weniger füreinander. Sie sprechen sich seltener Wertschätzung oder Lob aus. Vieles dreht sich um die Organisation des Alltags. Das kann Distanz entstehen lassen. Studien zeigen zudem, dass die Beziehungsqualität nach der Geburt von Kindern im Durchschnitt zunächst abnehmen kann.
Oskar Jenni Das kennen wahrscheinlich viele Eltern. Man hat so viele Dinge im Kopf, ist erschöpft und müde. Irgendwann ist der Kopf einfach leer, und man weiß gar nicht mehr, worüber man am Ende des Tages noch sprechen soll.
Patricia Lannen
Wenn man überhaupt einmal Zeit dafür hat.
Oskar Jenni
Genau.
Patricia Lannen
Und genau dafür sind diese Fragen gedacht. Sie sollen in solchen Momenten das Gespräch wieder anregen und helfen, miteinander in Verbindung zu kommen.
Oskar Jenni
Aber warum ist dieses Gespräch eigentlich so wichtig? Warum ist Kommunikation in einer Partnerschaft so zentral?
Patricia Lannen
Wenn man sich schon lange kennt, besteht immer die Gefahr zu denken: «Ich kenne den anderen. Ich weiss doch, was er denkt.» Gerade in Übergangsphasen – wenn ein Kind geboren wird oder wenn man schon lange gemeinsam unterwegs ist – verändert man sich aber. Wünsche verändern sich, Bedürfnisse verändern sich. Deshalb ist es so wichtig, immer wieder darüber zu sprechen, wie es einem geht und was man sich wünscht. Man sollte nicht dem Trugschluss erliegen zu glauben, man wisse schon alles über den anderen.
Oskar Jenni
Man bleibt ja auch selbst nicht immer gleich. Man verändert sich, entwickelt neue Wünsche, neue Vorstellungen oder neue Träume. Und mit wem möchte man diese Träume teilen, wenn nicht mit dem Menschen, mit dem man sein Leben verbringt?
Patricia Lannen
Auch als Eltern verändern wir uns ständig. Wir wachsen mit unseren Kindern, und mit jeder Entwicklungsphase verändern sich auch wir. Deshalb ist es wichtig, immer wieder miteinander im Gespräch zu bleiben. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich langsam aus den Augen verliert und Distanz entsteht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wenn wir es gewohnt sind, in entspannten Situationen miteinander zu sprechen, zuzuhören und uns gegenseitig zu verstehen, dann trainieren wir gewissermassen einen Muskel. Wir lernen, auch über uns selbst nachzudenken: Was passiert gerade bei mir? Wie nehme ich unser Kind wahr? Was braucht es im Moment? Dieses gemeinsame Nachdenken hilft später, wenn schwierige Situationen auftreten. Wer regelmässig miteinander spricht, kann meist auch unter Druck besser miteinander kommunizieren.
Oskar Jenni
Etwas ganz Wichtiges ist auch: Wir können nicht wissen, was der andere denkt oder fühlt. Wir müssen nachfragen und neugierig bleiben. Wo steht der andere gerade? Was beschäftigt ihn? Ich glaube, das ist eine Falle, in die viele Paare geraten. Man denkt: «Das war doch immer so. Er oder sie denkt bestimmt noch genauso.» Aber das stimmt oft gar nicht mehr. Deshalb ist dieser regelmässige Austausch so wichtig.
Patricia Lannen
Ein grosser Teil unseres Buches beschäftigt sich auch mit den Kindern. Wir hören oft die Frage: «Ist es ein Problem, wenn wir Eltern bei einem Thema unterschiedlicher Meinung sind?» Dann lohnt es sich, gemeinsam zu überlegen: Warum ist dir diese Regel eigentlich so wichtig? Wenn ich die Beweggründe des anderen wirklich verstehe, ist die unterschiedliche Meinung oft gar nicht mehr das eigentliche Problem. Häufig findet man dann einen guten Kompromiss. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Frage: Was braucht unser Kind eigentlich, damit es ihm gut geht?
Oskar Jenni Und dazu gehört auch, dass wir unsere unterschiedlichen Sichtweisen einbringen. Was denkst du: Was braucht unser Kind? Welche Stärken siehst du? Wo siehst du Herausforderungen? Letztlich geht es darum, die Besonderheiten und Fähigkeiten eines Kindes anzuerkennen und das Umfeld so zu gestalten, dass es sich gut entwickeln kann. Ich glaube, genau dabei hilft es, wenn beide Eltern ihre Beobachtungen miteinander teilen.
Patricia Lannen
Und genauso wichtig ist es, über sich selbst als Eltern zu sprechen. Was gelingt mir als Mutter oder Vater gut? Wobei brauche ich Unterstützung? Wie kannst du mir helfen, wenn eine Situation schwierig wird? Solche Fragen bewusst anzusprechen, ist sehr wertvoll. Wenn Eltern gut miteinander kommunizieren, profitieren letztlich auch die Kinder davon. Wie kommt das den Kindern zugute?
Oskar Jenni
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist: Wenn Eltern respektvoll und liebevoll miteinander umgehen, erleben Kinder ihr Zuhause als einen sicheren Ort. Sie spüren Vertrauen, emotionale Sicherheit und Geborgenheit. Wir wissen aus der Forschung, dass ein warmes familiäres Klima die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne positiv beeinflusst – bis ins hohe Alter. Das sollten wir nicht unterschätzen. Geborgenheit ist deshalb ein ganz zentraler Schutzfaktor.
Patricia Lannen
Ein zweiter Grund ist: Wenn es den Eltern gut geht, haben sie mehr Ressourcen für ihr Kind. Sie können die Bedürfnisse ihres Kindes besser wahrnehmen und angemessen darauf reagieren. Wenn Eltern hingegen stark belastet sind oder kaum miteinander sprechen, fällt es ihnen oft viel schwerer, sich auf ihr Kind einzulassen.
Oskar Jenni
Das sind bereits zwei wichtige Gründe: Geborgenheit und mehr Ressourcen für das Kind. Ein dritter Grund ist ebenso zentral: Wir Eltern sind Vorbilder. Kinder beobachten sehr genau, wie wir miteinander umgehen. In jeder Familie gibt es Konflikte und gelegentlich auch Streit. Entscheidend ist nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern Konflikte lösen können, wieder aufeinander zugehen und einen gemeinsamen Weg finden, gibt ihnen das Sicherheit. Gleichzeitig lernen sie ganz konkret, wie man mit Meinungsverschiedenheiten konstruktiv umgeht.
Patricia Lannen Ich möchte noch einmal auf einen Punkt zurückkommen. Wir haben darüber gesprochen, ob es ein Problem ist, wenn Eltern Dinge unterschiedlich handhaben. Grundsätzlich ist das für Kinder überhaupt kein Problem. Kinder können sehr gut unterscheiden: «Bei Mama ist es so, bei Papa ist es anders.» Damit können sie meist gut umgehen. Wichtig ist aber, dass die Eltern untereinander wissen, wie der andere handelt, und dass sie diese Unterschiede gegenseitig akzeptieren. Vielleicht ist es für viele Eltern sogar entlastend zu hören, dass sie nicht immer alles genau gleich machen müssen.
Oskar Jenni
Genau. Kinder sollen schon in ihrer Familie erleben, dass Menschen unterschiedlich denken, unterschiedliche Vorstellungen haben und verschiedene Wege wählen. Denn genauso ist auch die Welt. Sie ist vielfältig und komplex. Deshalb dürfen Kinder ruhig erleben, dass auch Mutter und Vater verschieden sind – und trotzdem respektvoll miteinander umgehen.
Patricia
Gehen wir noch einmal zurück zur Entstehung des Buches. Du hast vorhin erwähnt, dass wir am Anfang viel mehr Fragen hatten. Irgendwann haben wir uns gefragt: Was ist eigentlich das Ziel dieser Fragen? Es geht darum, Nähe zu schaffen. Deshalb haben wir auch viele Fragen wieder gestrichen. Bei einigen hatten wir das Gefühl, dass sie eher Spannungen oder Verletzungen auslösen könnten. Solche Fragen wollten wir bewusst nicht im Buch haben.
Oskar Jenni
Hast du ein Beispiel für so eine Frage?
Patricia Lannen
Zum Beispiel die Frage: «Was sind meine wunden Punkte?» Oder noch schwieriger: «Sag du mir, was meine wunden Punkte sind.» Darüber kann man sich nur sehr behutsam austauschen. Es ist einfacher und hilfreicher, wenn ich zuerst selbst darüber nachdenke, was meine empfindlichen Seiten sind. Solche Fragen haben wir deshalb wieder entfernt. Gleichzeitig haben wir uns intensiv mit der kindlichen Entwicklung beschäftigt. Wir haben gefragt: Welche Entwicklungsaufgaben gibt es? Welche Meilensteine beschäftigen Eltern? Unsere fachliche Erfahrung ist deshalb ganz bewusst in die Fragen eingeflossen. Ein Beispiel ist die Autonomieentwicklung. Ein kleines Kind ist anfangs sehr eng an seine Eltern gebunden. Mit der Zeit soll es selbstständiger werden und sich zunehmend nach aussen orientieren. Dazu passt eine Frage wie: «Wie geht es dir damit, dass unser Kind immer selbstständiger wird?» Wir haben versucht, genau solche Themen aufzugreifen – Themen, die für Eltern aus entwicklungspsychologischer Sicht wichtig sind und über die es sich lohnt, miteinander zu sprechen. Fällt dir noch ein Beispiel ein?
Oskar Jenni Ja, das Thema Grenzen setzen. Wir wissen aus der Forschung, dass Kinder Grenzen brauchen. Grenzen geben Orientierung. Die Welt ist komplex, und als Familie schaffen wir mit Grenzen einen verlässlichen Rahmen. Gleichzeitig setzen wir alle Grenzen unterschiedlich. Genau deshalb ist das in vielen Familien immer wieder ein Thema. Der eine Elternteil setzt eine Grenze hier, der andere dort. Darüber zu sprechen, warum einem eine bestimmte Grenze wichtig ist, hilft oft sehr. Wenn ich verstehe, weshalb dir etwas wichtig ist, kann ich deine Sicht besser nachvollziehen – auch wenn ich sie nicht vollständig teile.
Ein klassisches Beispiel sind Bildschirmmedien. Beim einen Elternteil darf das Kind vielleicht länger am Bildschirm bleiben als beim anderen. Oder umgekehrt. Wenn Eltern unterschiedliche Vorstellungen haben, lohnt es sich zu fragen: Warum setzt du diese Grenze? Was steckt dahinter? Hast du Sorge, dass zu viel Medienzeit dem Kind schadet? Oder gibt es einen anderen Grund?
Patricia Lannen Oder setzt du gerade keine Grenze, weil du selbst eine Pause brauchst? Auch darüber lohnt es sich zu sprechen. Dann können wir gemeinsam überlegen, wie sich dieses Bedürfnis vielleicht anders erfüllen lässt und wie wir einen Weg finden, der für alle passt. Uns war ausserdem wichtig, keine oberflächlichen Fragen zu stellen. Wir wollten nicht fragen: «Was ist dein Lieblingsfilm?» Unsere Fragen sollen dazu führen, dass ich etwas über dich erfahre, das ich vielleicht noch gar nicht weiss oder worüber wir schon lange nicht mehr gesprochen haben. Gleichzeitig regen sie auch zur Selbstreflexion an. Vielleicht habe ich mir selbst noch nie bewusst überlegt, was ich eigentlich gut als Mutter kann. Die Fragen wirken also in beide Richtungen: Sie helfen mir, den anderen besser kennenzulernen, und gleichzeitig auch mich selbst.
Oskar Jenni Genau das ist die Idee. Die Fragen sollen vertiefte Gespräche ermöglichen und nicht an der Oberfläche bleiben. Es geht eben nicht um Fragen wie: «Was ist dein Lieblingsessen?» Das kann zwar auch interessant sein, bleibt aber eher oberflächlich. Es ist ein bisschen wie die klassische Frage, wenn man sich am Abend wiedersieht: «Wie war dein Tag?» Und die Antwort lautet dann einfach: «Gut.»
Patricia Lannen Es ist aber gar nicht so einfach, sich im Alltag bewusst Raum und Zeit für solche Gespräche zu nehmen. Wir erleben selbst immer wieder, wie hilfreich es ist, solche Momente zu ritualisieren.
Oskar Jenni Genau. Rituale sind dabei sehr wichtig. Man könnte zum Beispiel nach dem Abendessen noch einen Moment sitzen bleiben, wenn die Kinder nicht mehr am Tisch sind. Nicht nur kurz den Tag besprechen, sondern vielleicht auch eine Frage aus dem Buch aufgreifen. Entscheidend ist, solche Gesprächsmomente regelmässig einzuplanen. Es muss nichts Grosses sein. Es geht nicht nur darum, alle drei oder vier Wochen einmal zusammen essen zu gehen, sondern im Alltag immer wieder bewusst Zeit füreinander zu schaffen.
Patricia Lannen Gerade im Familienalltag, in dem jede freie Minute sofort wieder gefüllt ist, können Rituale helfen, überhaupt erst Raum entstehen zu lassen. Viele Paare sagen uns: «Wir wissen gar nicht, wie wir solche Gespräche führen sollen.» Manchen fällt das leichter als anderen. Aber Kommunikation ist eine Fähigkeit, die man lernen kann. Wie gelingt es also, gut miteinander ins Gespräch zu kommen?
Oskar Jenni
Es gibt einige einfache Grundprinzipien. Ein wichtiges Prinzip ist, von sich selbst zu sprechen – sogenannte Ich-Botschaften zu verwenden – statt Vorwürfe zu machen. Nicht: «Du machst immer …»
Patricia Lannen Zum Beispiel nicht: «Du kommst immer zu spät nach Hause.» Sondern eher: «Wenn du später nach Hause kommst als angekündigt, werde ich unruhig. Ich mache mir Sorgen, dass wir dann zu wenig Zeit füreinander haben.»
Oskar Jenni
Genau. «Du kommst immer zu spät» ist ein Vorwurf. Eine Ich-Botschaft beschreibt dagegen, was bei mir passiert: «Ich mache mir Sorgen.» Oder: «Ich bin enttäuscht, weil wir zu wenig Zeit miteinander haben.» Damit gebe ich dem anderen einen Einblick in meine Gefühlswelt, statt ihn anzugreifen.
Natürlich soll man daraus kein starres Rezept machen. Es geht vielmehr darum, sich daran zu gewöhnen, die eigenen Gefühle zu benennen.
Patricia Lannen Am Anfang braucht das vielleicht etwas Übung. Man muss bewusst die Perspektive wechseln und sich fragen: Warum beschäftigt mich das eigentlich so? Was passiert gerade bei mir? Ist das wirklich ein Problem oder vielleicht etwas, das ich auch loslassen kann? Mit der Zeit wird diese Art zu kommunizieren ganz selbstverständlich.
Oskar Jenni
Bei unserem Beispiel gibt es noch etwas Wichtiges. Wenn ich sage: «Du kommst immer zu spät», dann ist das eine Generalisierung. Viel hilfreicher ist es, eine ganz konkrete Situation anzusprechen: Wann ist das passiert? Was genau war schwierig? So bleibt das Gespräch nachvollziehbar. Es bringt wenig, alle Konflikte der letzten zwei Jahre zusammenzufassen und zu sagen: «Das ist immer so.» Worte wie «immer» oder «nie» verschärfen Konflikte oft unnötig und lösen schnell Abwehr aus. Besser ist es, bei einer konkreten Situation zu bleiben und gemeinsam zu überlegen, wie man sie künftig lösen könnte.
Patricia Lannen
Wir haben also die Ich-Botschaften und das Konkretbleiben. Genauso wichtig ist es, auch schwierige Themen respektvoll und wertschätzend anzusprechen. Und es gibt nicht nur Grundsätze für die Person, die spricht, sondern auch für diejenige, die zuhört. Zuhören bedeutet, wirklich präsent zu sein. Nicht sofort zu bewerten. Den anderen ausreden zu lassen. Auch einmal Stille auszuhalten. Und vor allem Interesse zu zeigen. Zum Beispiel zu fragen: «Erzähl mir mehr. Wie meinst du das genau?» Solche Fragen helfen dem Gegenüber, weiterzudenken und die eigenen Gedanken besser zu ordnen. Unsere Fragen sollen deshalb nicht einfach Antworten hervorbringen, sondern einen echten Dialog ermöglichen.
Oskar Jenni
Manche denken jetzt vielleicht: Das klingt alles etwas technisch. Ja, vielleicht wirkt es zunächst ungewohnt. Aber es lohnt sich, diese Art der Kommunikation in guten Zeiten zu üben. Denn unter Druck lernt man sie nur schwer.
Patricia Lannen
Und noch etwas ist ganz wichtig. Es braucht einen geschützten Raum – einen Safe Space. Das bedeutet: Was wir uns in diesen Gesprächen anvertrauen, bleibt geschützt. Es wird später in einem Streit nicht gegen den anderen verwendet. Nur wenn ich sicher sein kann, dass meine Offenheit respektiert wird, kann ich mich wirklich ehrlich mitteilen.
Patricia Lannen
Sag mal, was ist eigentlich deine Lieblingsfrage aus dem Buch?
Oskar Jenni
Es gibt viele spannende Fragen. Wenn ich eine auswählen müsste, dann wäre es wohl die erste: «Warum liebst du mich eigentlich?»
Patricia Lannen
Die allererste Frage im Buch.
Oskar Jenni
Genau. Ich finde sie deshalb so besonders, weil der andere etwas über mich sagt. Ich sehe mich gewissermassen durch seine Augen. Und das ist meistens etwas Wertschätzendes. Ich glaube, wir alle brauchen Wertschätzung. Sie ist etwas ganz Zentrales. Ohne Wertschätzung fällt es schwer, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Deshalb lohnt es sich, diese Frage immer wieder einmal zu stellen. Nicht jeden Tag – aber immer wieder. Und was ist deine Lieblingsfrage?
Patricia Lannen
Meine Lieblingsfrage ist: «Wann bist du wirklich da für unser Kind?» Ich versuche dabei bewusst, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Nicht: Wann finde ich, dass wir besonders schöne Momente erleben? Sondern: Wann hat unser Kind das Gefühl, dass ich wirklich da bin? Gerade wenn Kinder eine andere Persönlichkeit haben als wir selbst, kann die Antwort überraschend sein. Ich denke dabei oft an unseren Finn. Ich bin eher eine umtriebige Person, immer in Bewegung. Er dagegen liebt es, wenn wir einfach zusammen auf dem Sofa sitzen und miteinander reden. Ich ertappe mich dann manchmal dabei zu denken: «Was könnten wir jetzt noch machen?» Dabei machen wir eigentlich genau das Richtige. Wir sitzen einfach zusammen da und plaudern. Dass gerade diese Momente für ihn so wertvoll sind, ist mir durch diese Frage erst richtig bewusst geworden.
Oskar Jenni
Eine weitere Frage, die mich sehr beschäftigt, lautet: «Wie hat dich die Elternschaft verändert?» Heute kann ich diese Frage wahrscheinlich besser beantworten als damals, als unsere Kinder noch klein waren. Inzwischen sind sie grösstenteils erwachsen, und man kann zurückblicken. Für mich hat die Elternschaft tatsächlich vieles verändert. Ich glaube, meine Gelassenheit habe ich zu einem grossen Teil durch das Elternsein gelernt. Man erlebt unzählige Situationen, in denen man sich überfordert fühlt und denkt: Das schaffe ich nie. Und dann merkt man irgendwann: Es geht doch. Man lernt auch, mit Sorgen und Ängsten umzugehen. Eltern machen sich ständig Sorgen. Aber mit der Zeit lernt man, diese Gefühle auszuhalten und darauf zu vertrauen, dass schwierige Phasen wieder vorübergehen. Elternschaft ist für mich ein grosses Übungsfeld für Resilienz – eigentlich jeden einzelnen Tag.
Patricia Lannen
Eigentlich ist das ein Plädoyer für die Elternschaft.
Oskar Jenni
Ja, das ist es. Elternschaft ist vielleicht das grösste Abenteuer, das wir erleben können. Es ist ein Abenteuer, weil wir nie genau wissen, wohin die Reise führt. Und genau das macht sie so besonders.
Patricia Lannen
Das ist ein schönes Schlusswort.
Oskar Jenni (Outro)
Gute Gespräche zwischen Eltern entstehen nicht von selbst. Sie brauchen Zeit, Neugier und die Bereitschaft, einander immer wieder neu zuzuhören. Genau das stärkt nicht nur die Partnerschaft, sondern gibt auch Kindern Sicherheit und Geborgenheit.
Wenn Sie Lust bekommen haben, selbst miteinander ins Gespräch zu kommen, finden Sie in unserem Buch «101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder» viele Anregungen und konkrete Fragen dafür. Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Kompass Kindheit.
Hinweis auf das Buch (Website)
Hilfreiches
Sachbuch Miteinander Reden – 101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder
von Patricia Lannen und Oskar Jenni
In diesem Buch finden Sie alle 101 Gesprächsfragen sowie eine Einführung dazu, warum gute Gespräche die Partnerschaft stärken und Kindern zugutekommen.
Podcast Kompass Kindheit
«Die berührendsten Geschichten über Kindheit entstehen dort, wo Menschen offen von ihren Erfahrungen erzählen.»
Kinder grosszuziehen wirft täglich neue Fragen auf. Oskar Jenni lädt ein – zu Gesprächen, die bewegen, ganz neuen Perspektiven, und Wissen das bleibt. Von den ersten Tagen nach der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter.

