Staffel 01 / Folge 04
Ehrlich über die ersten Wochen mit einem Baby
Niemand hat uns darauf vorbereitet. Wenn das Baby endlich da ist, stellen sich viele Eltern vor allem eines vor: pures Glück. In dieser Folge sprechen Anja und Michael ganz ehrlich über ihre ersten acht Wochen mit Sohn Lauro – über Schlafmangel, Überforderung und die Momente, in denen alles zu viel wird.
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Oskar Jenni: Willkommen bei Kompass Kindheit. Viele Eltern bereiten sich monatelang auf die Geburt ihres Kindes vor. Doch kaum jemand spricht darüber, was danach kommt. Die ersten Wochen mit einem Baby gehören zu den intensivsten Zeiten überhaupt. Voller Liebe, voller Glück. Aber wir kennen das alle auch: voller Überforderung. Und wir schlafen häufig zu wenig, sind am Tag müde und manchmal auch wirklich verzweifelt. Das geht allen Eltern so, und genau darüber sprechen wir heute. Anja und Michael erzählen offen von ihren ersten Wochen als Eltern. Ehrlicher kann man über diese Zeit kaum sprechen. Und zum ersten Mal begleitet mich auch Lukas Baumann. Lukas ist wie ich Kinderarzt. Er ist Vater von zwei kleinen Kindern und Produzent dieses Podcasts mit seinem Mix Art Studio. Er kennt diese Zeit also nicht nur aus seiner täglichen Arbeit als Kinderarzt, sondern auch aus eigener Erfahrung. Und diese liegt noch gar nicht so lange zurück.
Oskar Jenni: Vielen Dank, dass wir hier sein dürfen. Ich freue mich sehr. Wir sitzen hier am Tisch, und es sind nicht nur Vater und Mutter hier, Anja und Michael, sondern es ist auch Lauro hier. Er ist ganz zufrieden. Er hört uns zu. Er kommentiert dazwischen manchmal. Wir werden ihn hier auch hören. Erzählt mir doch, wer ihr seid.
Anja: Wir sind Anja und Michael, haben 2019 geheiratet und sind nun seit zwei Monaten Eltern von Lauro. Ja, wir sind gerne sportlich unterwegs, sind gerne draussen.
Oskar Jenni: Was macht ihr für Sport?
Michael: Ich bin viel unterwegs in den Bergen. Trailrun. Und du bist mit dem Pferd unterwegs. Und gemeinsam sind wir viel am Wandern, sehr viel Wandern, in den Ferien, einfach unterwegs.
Oskar Jenni: Und jetzt nimmt mich natürlich wirklich Wunder, wie ihr das jetzt in eurer neuen Lebenssituation macht.
Michael: Ja, das ist die grosse Herausforderung. Wir dachten, wenn das Kleinkind da ist, packen wir es in den Rucksack und gehen los. Und das ist nicht genau so. Also, das Kind ist da, und am Anfang bestimmt das Kleinkind, wie der Tagesablauf und der Rhythmus sein sollen, und nicht unbedingt wir.
Oskar Jenni: Da darf ich euch trösten: Das geht allen Eltern so. Und das ist natürlich etwas, was ich immer wieder höre, was ich auch selber als Vater erlebt habe, nämlich das Leben als Paar. Da ist man aktiv und macht ganz viele Dinge. Und man kann sich gar nicht vorstellen, dass das nicht mehr geht.
Anja: Ja, dann ist plötzlich eine Woche vorbei, und man ist da und denkt: Huch, bekomme ich irgendwann mein altes Leben wieder zurück? Und mittlerweile ist es schon etwas besser. Ich kann auch schon wieder reiten gehen. Mit dem Joggen muss ich noch warten. Aber ja, es ist schon besser als ganz am Anfang.
Michael: Kommt langsam.
Anja: Ja.
Michael: Der Einstieg war, der war ziemlich heftig. Der war wirklich heftig.
Anja: Also vielleicht haben wir es auch unterschätzt.
Michael: Wir waren eigentlich ziemlich gut auf die Geburt vorbereitet. Die Schwangerschaft wurde eng durch den Frauenarzt begleitet, und alles drehte sich um die Geburt: Wie wollen wir sie gestalten, wie machen wir das und so weiter. Dann kam dieser grosse Tag, die Geburt. Wir waren noch zwei, drei Tage im Spital und gingen danach nach Hause. Und als wir zu Hause waren, waren wir am Anfang einfach überfordert. Dieses Danach, die Zeit nach der Geburt, war für uns eine sehr grosse Herausforderung.
Oskar Jenni: Also die ersten Tage und die ersten ein, zwei, drei Wochen. Was war da besonders schwierig?
Michael: Das Ungewisse. Macht man es richtig, macht man es falsch? Was soll man tun? Was ist überhaupt ein normaler Ablauf? Und das Kind war am Anfang in einem Rhythmus von einer bis anderthalb Stunden, vom Stillen her. Das ist irrsinnig. 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Und man sieht kein Ende. Es ist und ist und ist einfach so.
Oskar Jenni: Man muss sich also ganz neu auf einen anderen Tagesablauf einstellen. Wie steht man auf? Was passiert nach dem Aufstehen?
Michael: Ja, definitiv. Und vor allem auch die Nacht. Man muss sich organisieren und schauen, wie man es gemeinsam meistern kann, irgendwie durch die Nacht zu kommen, sodass beide ein bisschen Schlaf bekommen. Das ist schon eine grosse Herausforderung.
Oskar Jenni: Wie habt ihr das gemacht?
Michael: Am Anfang war es wirklich schwierig. Er wurde gestillt, dann war er vielleicht 20 oder 30 Minuten ruhig. Danach haben wir ihn 20 oder 30 Minuten in der Fliegerposition durch die Wohnung getragen. Dann konnte man vielleicht 20 Minuten schlafen und dann ging das Ganze wieder von vorne los. Die ersten sechs bis sieben Wochen war das so.
Und dann, von einem Tag auf den anderen, schlief er plötzlich vom Abend um neun bis nachts um halb drei. Wir dachten schon: Ist er krank? Und seither ist das so. Jeden Abend kann man ihn im Tragetuch ein bisschen wippen, dann schläft er um neun, halb zehn ein und schläft bis um zwei, halb drei. Danach kommt er wieder alle ein bis anderthalb Stunden. Aber man hat immerhin einen Zeitraum, in dem man wirklich schlafen kann. Und das ist schön.
Oskar Jenni: Es ist ja ein Stück weit tröstlich, nämlich, dass sich in diesen ersten Lebensmonaten, vielleicht überhaupt im ersten Lebensjahr, relativ schnell Veränderungen zeigen. Die Entwicklung ist in diesen ersten zwölf Monaten extrem dynamisch. Es verändert sich immer wieder etwas. Und das ist etwas, was ich ganz oft höre: Das ist wie ein Schalter, plötzlich verändert sich etwas. Das ist nicht unbedingt voraussehbar. Man kann auch den Mechanismus, die Ursache oder den Grund dafür oft nicht verstehen. Ich werde dann häufig gefragt: Was ist der Grund dafür? Und ganz oft findet man keinen.
Aber nochmals zurück zur Nacht: Wie habt ihr das jeweils gemacht? Habt ihr euch abgewechselt? Und wo hat er geschlafen oder wo schläft er jetzt?
Anja: Wir haben immer gesagt, wir wollen kein Familienbett, und haben deshalb ein Beistellbett aufgestellt. Dort hat er zwei Nächte geschlafen. Und jetzt schläft er in der Mitte zwischen uns, weil es am einfachsten ist. Wir haben uns schon abgewechselt. Aber wegen des Stillens habe ich natürlich viel übernommen. Und Michael hat geschlafen, weil er am nächsten Tag wieder arbeiten musste.
Oskar Jenni: : Das ist eine gute Strategie: Dinge so zu machen, wie sie im Alltag am einfachsten funktionieren. Und sich nicht zu sehr von irgendwelchen Vorstellungen von aussen beeinflussen zu lassen, sei es von den Eltern oder von Ratgebern. Wenn man merkt: Das hilft uns, das entlastet uns und das funktioniert für den Moment, dann darf man es auch so machen.
Anja: Wir haben viele Broschüren zum sicheren Schlafen bekommen: das Kind nicht ins Bett nehmen und so weiter. Aber wir mussten irgendwie zu Schlaf kommen. Deshalb haben wir einfach gesagt: Das stimmt für uns, und wir machen es so.
Oskar Jenni: Das habt ihr gut gemacht. Sicher schlafen kann ein Kind auch im Familienbett, also im gemeinsamen Bett. Das Bett muss dabei genügend gross sein. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Wenn das Bett zu klein und zu eng ist und alle sehr nahe beieinanderliegen, ist das auch für die Schlafqualität der Erwachsenen nicht gut. Aber grundsätzlich kann man gut zusammen schlafen. Das machen ja auch viele Kulturen so.
Michael: Ja, wir wollten das wirklich nie. Aber irgendwann machst du alles, damit du zu Schlaf kommst. Und dann war das einfach der einfachste Weg.
Oskar Jenni: Das Schlafen ist also das zentrale Thema dieser ersten Lebenswochen.
Michael: Ja. Wir haben oft gesagt: Wenn der Schlaf nicht so intensiv wäre, wenn wir am Abend einfach ins Bett gehen und durchschlafen könnten, dann könnten die Tage noch so anstrengend sein – es wäre niemals dasselbe.
Oskar Jenni: Die ersten Wochen sind also Wochen, in denen man ein bisschen im Überlebensmodus ist. Man muss irgendwie durch diese erste Zeit kommen.
Anja: Ja, es ist einfach eine komplette Überforderung. Du kommst in die Wohnung, plötzlich ist da diese Stille, und du bist zu dritt und denkst: Hä? Was mache ich jetzt?
Oskar Jenni: Das Schlafen ist das eine. Was waren sonst noch Themen?
Michael: Die ersten drei bis vier Tage waren sehr, sehr intensiv, weil du einen Kaiserschnitt hattest und dich kaum bewegen konntest. Ich musste dir das Kind zum Stillen bringen, das Kind wickeln, dir etwas zu trinken bringen und so weiter. Das war wahnsinnig. Du konntest einfach nichts machen. Du wolltest, aber du konntest nicht. Als Paar ist man in diesen ersten zwei bis drei Wochen extrem herausgefordert.
Oskar Jenni: Aber was hättet ihr gebraucht? Hätte es etwas gegeben, das euch geholfen hätte?
Anja: Ich finde, man müsste mehr darüber sprechen, wie diese Zeit wirklich ist. Man spricht viel über die Schwangerschaft und die Geburt. Und dann kommt das Wochenbett. Man lernt das Baby kennen, und irgendwie stellt man sich vor, es sei alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber so ist es überhaupt nicht. Natürlich hört man von Kolleginnen oder Freundinnen von verschiedenen Schwierigkeiten. Aber wie es wirklich ist, habe ich unterschätzt.
Michael: Und da ist auch eine riesige emotionale Diskrepanz. Man hat sich so lange auf das Kind gefreut. Dann ist das Kind da, und plötzlich ist man komplett überfordert. Gleichzeitig denkt man: Ich sollte doch eigentlich Freude haben. Wir haben jetzt ein Kind, aber im Moment ist da vor allem Stress.
Oskar Jenni: Ich glaube, das erleben tatsächlich sehr viele Eltern. Dieser grosse Schritt von der Zeit vor der Geburt in das Leben mit einem Neugeborenen verändert alles. Und ich glaube, es ist ganz zentral, darüber zu sprechen und Eltern bewusst zu machen: Solche Gefühle sind in dieser ganz frühen Elternschaft ganz normal. Das ist auch ein Ziel dieses Podcasts, den ich zusammen mit Lukas Baumann mache. Lukas sitzt heute zum ersten Mal mit uns am Tisch. Wie war das bei euch?
Lukas Baumann: Diese Gegensätzlichkeit der Gefühle nach der Geburt habe ich sehr stark erlebt. Da war diese Überforderung, dieses Gefühl: Mein altes Leben ist vorbei. Gleichzeitig war da natürlich die Freude und auch der Gedanke, dass man sich doch freuen sollte. Dadurch macht man sich zusätzlich Druck. Mir hat damals ein Freund sehr geholfen. Sein jüngstes Kind war zwei Monate älter als meines, und kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes erzählte er mir, wie es ihm nach der Geburt gegangen war. Er hatte genau diese gegensätzlichen Gefühle erlebt. Er sagte mir: Falls es dir genauso geht, musst du nicht erschrecken. Das ist eine Phase, und sie geht wieder vorbei.
Und bei mir war es dann tatsächlich so. Da war die Freude, aber gleichzeitig waren da Überforderung und Angst und vielleicht auch ein Stück Trauer darüber, dass man sein altes Leben loslässt. Und dann kommen womöglich noch Schuldgefühle dazu, weil man denkt, man müsste doch einfach glücklich sein.
Mir hat es enorm geholfen, dass mein Freund so offen mit mir gesprochen hatte. Ich wusste dadurch: Diese Gefühle können dazugehören, und sie werden auch wieder vorbeigehen. Allein dieses Wissen hat mir in diesem Moment viel Stress genommen.
Michael: Auch einfach zu wissen …
Oskar Jenni: … dass das eine Phase ist.
Michael: Genau.
Oskar Jenni: Dass diese Phase vorbeigehen wird. Und dass man manchmal einfach irgendwie durch diese ersten Wochen kommen muss.
Anja: : Aber wenn man in der Phase ist, hat man das Gefühl, die Phase geht ewig. Oder geht das überhaupt weiter? So ging es mir.
Michael: Mir ging es sehr häufig auch so. Für mich war es ein bisschen einfacher, weil ich mir gesagt habe: Es ist eine Phase. Wann sie zu Ende ist, weiss ich nicht. Und wenn ich solche Gefühle hatte, wie Lukas sie vorhin beschrieben hat, sagte ich mir oft: Hey, ich bin auf dieser grossen Erde nicht der Erste, der ein Kind hat. Und wahrscheinlich bin ich auch nicht der Erste, der solche Gefühle empfindet. Also wird es auch wieder vorübergehen.
Oskar Jenni: Ich finde es sehr schön, dass du dieses Gefühl ausdrückst und darüber sprichst. Dass du sagst: Ja, es ist tatsächlich etwas, das für mich ganz schwierig ist. Und dass du es nicht für dich behältst oder als etwas Abnormes beurteilst, sondern als etwas, das zu dieser ganz frühen Elternschaft gehören kann. Denn wenn man damit allein ist – auch als Paar – und vielleicht sozial nicht so gut eingebunden ist, kann das sehr schwer zu ertragen sein. Man hat dann tatsächlich das Gefühl, mit dem Kind und all diesen Gefühlen ganz allein zu sein.
Anja: Für mich war es vor allem diese Überforderung, als ich plötzlich allein war. Eigentlich bin ich überhaupt nicht ängstlich. Aber schon ein Spaziergang allein mit dem Kind hat bei mir Gedanken ausgelöst wie: Hilfe, schaffe ich das? Es sind ganz alltägliche Dinge, bei denen du plötzlich allein bist und dich überfordert fühlst.
Oskar Jenni: Was hast du in solchen Situationen gemacht?
Anja: Ich habe es einfach gemacht. Zuerst hat es mich wahnsinnig gestresst, und ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht. Aber irgendwann dachte ich: Ich muss ja raus. Und dann bin ich einfach rausgegangen und es hat geklappt.
Oskar Jenni: Wie habt ihr euch denn diese ersten Wochen vorgestellt?
Michael: Ich habe mir das ungefähr so vorgestellt: Wir bekommen dieses Kind, kommen nach Hause, dann wird es gestillt und schläft vier Stunden. Dann wird es wieder gestillt und schläft wieder vier Stunden. Und dazwischen kann man Sport treiben, arbeiten oder machen, was man will. Ich dachte wirklich, man könne das Kind hinlegen und dann vielleicht eine halbe oder dreiviertel Stunde etwas anderes machen, den Haushalt zum Beispiel. Aber unser Sohn war ein richtiges Tragkind. Sobald man ihn hingelegt hat, fing er an zu schreien. Und natürlich macht man dann alles, damit er nicht schreit. Das Einzige, was geholfen hat, war tragen.
Anja: Ich habe es mir einfach schön vorgestellt. Wir hatten uns lange ein Kind gewünscht, und dann hat es endlich geklappt. Dann kam die Schwangerschaft, und irgendwie hatte ich die Vorstellung: Jetzt kommst du mit diesem Kind nach Hause, du liebst es, und alles ist schön. Aber so war es eben nicht. Du kommst nach Hause, bist überfordert, der ganze Hormonhaushalt spielt verrückt. Natürlich liebst du dein Kind. Aber gleichzeitig siehst du plötzlich vor allem das Schwierige und kannst das Schöne gar nicht richtig wahrnehmen.
Oskar Jenni: Und das Kind braucht euch und natürlich ganz besonders deine Nähe – in diesen ersten Lebenswochen. Diese Vorstellung: stillen, hinlegen, vier Stunden schlafen, wieder stillen. So funktioniert es bei vielen Neugeborenen eben nicht. Das Kind kommt aus dem Mutterbauch in eine völlig neue Welt. Plötzlich ist es einmal kalt, einmal warm, alles riecht anders. Wir wissen, dass Neugeborene mit bereits erstaunlich gut entwickelten Sinnen auf die Welt kommen. Aber sie können all diese Eindrücke noch überhaupt nicht einordnen. Sie verstehen nicht, was mit ihnen geschieht. Vorher wurde Lauro die ganze Zeit von dir getragen. Und jetzt soll er von einem Tag auf den anderen plötzlich allein in einem Bett liegen können.
Anja: Im Nachhinein eigentlich logisch.
Oskar Jenni: Genau. Er möchte weiterhin getragen werden. Er möchte ernährt werden, vielleicht jede Stunde oder alle zwei Stunden. Und das ist in diesen ersten Lebenswochen ganz normal.
Michael: Das durften wir dann erfahren.
Oskar Jenni: Du hast aber schon gesagt, dass sich inzwischen einiges verändert hat. Zum Beispiel der Schlaf. Nach diesen acht Wochen habt ihr doch langsam einen gewissen Rhythmus gefunden, oder?
Michael: Ja. Wir haben inzwischen ein bisschen herausgefunden, wie das Handling mit unserem Kind funktioniert. Wir haben ihn besser kennengelernt. Natürlich verändert sich von Tag zu Tag wieder etwas. Aber wir haben inzwischen viele Dinge erlebt, von denen wir wissen: Das ist normal, das gehört dazu. Es ist ein stetiger Lernprozess. Inzwischen sind zum Beispiel die Nächte wirklich gut zu bewältigen. Wenn ich früh arbeiten muss, schauen wir, dass ich durchschlafen kann und Anja das Kind betreut. In anderen Nächten stehe ich zwischendurch auf und wickle ihn. So können wir es im Moment gut handhaben. Aber wir wissen natürlich: Es wird sich wieder verändern.
Was für mich noch sehr wichtig war: Viele Dinge haben wir beim ersten Mal bewusst zu dritt gemacht. Den ersten Spaziergang ums Haus haben wir zu dritt gemacht. Das erste Mal Autofahren mit dem Kind ebenfalls. Und danach konnten wir sagen: Hey, es funktioniert. Beim nächsten Mal war Anja vielleicht allein unterwegs. Aber sie wusste: Es funktioniert. Mein Mann ist jetzt nicht dabei, aber wir haben es schon einmal gemeinsam gemacht. So haben wir es mit vielen Dingen gehalten. Auch das erste Mal mit der Bergbahn auf einen Berg sind wir zu dritt gefahren. Beim nächsten Mal konnte ich zu Fuss hochgehen und Anja mit dem Kind die Bergbahn nehmen, weil sie wusste: Wir haben das schon einmal gemacht, es funktioniert.
Das sind kleine Schritte, kleine Lernerfolge, die man zunächst gemeinsam meistert. Und beim nächsten Mal traut man es sich auch allein zu.
Oskar Jenni: Wie hat eure Umgebung auf diese neue Konstellation reagiert? Eure Eltern, eure Freunde?
Anja: Ich glaube, die hatten alle Freude. Unsere Eltern sowieso und unsere Freunde auch. Viele von ihnen haben schon Kinder. Wir waren vielleicht so etwas wie die Letzten. Die wussten wahrscheinlich ziemlich genau, was auf uns zukommt.
Oskar Jenni: Aber sie haben euch natürlich auch nicht im Detail erzählt, was in diesen ersten Lebenswochen auf euch zukommt.
Anja: Nein, nein. Eine Freundin hat mir gesagt, sie wollte uns ja auch nicht den Spass verderben. Man ist schwanger und freut sich auf das Kind. Und wenn einem dann jemand ganz detailliert erzählt, wie es wirklich ist, weiss ich nicht, wie sehr man sich noch auf die Geburt freut.
Oskar Jenni: Dazu kommt, dass wir Eltern vergessen. Je älter das Kind wird und je mehr es sich entwickelt, desto mehr verblasst diese schwierige Anfangszeit.
Anja: Das vergisst man.
Oskar Jenni: Ja, man vergisst es wieder.
Anja: Wir haben uns auch schon gefragt: Wieso haben eigentlich nicht alle Einzelkinder? Warum tut man sich das ein zweites Mal an? Aber wahrscheinlich ist es wirklich so, dass man vieles wieder vergisst.
Oskar Jenni: Und vielleicht ist das auch ein Grund, warum eure Freunde euch nicht so genau informiert haben. Sie erinnern sich nicht mehr daran, wie schwierig es tatsächlich war. Im Kern vergisst man diese Zeit natürlich nicht. Aber die Intensität dieser Gefühle verblasst.
Lukas Baumann: Ich weiss noch, dass die Nächte bei beiden Kindern streng waren. Aber diese fast existenzielle Überforderung, die wir damals erlebt haben, ist tatsächlich verblasst. Und vielleicht ist es auch gut, dass es verblasst und man sich später vor allem an die schönen Dinge erinnert.
Oskar Jenni: Und es ist eben so, dass ein Neugeborenes extrem auf unsere Unterstützung angewiesen ist. Aber diese Phase geht tatsächlich vorbei. Mit etwa sechs Monaten wird Lauro zunehmend mobiler, später beginnt er zu laufen und zu sprechen. Er wird für euch immer besser lesbar und kann zunehmend Dinge selbst tun, die ihr jetzt noch vollständig für ihn übernehmen müsst. Im Moment müsst ihr seine Signale lesen und herausfinden, was er euch mitteilen möchte. Ihr müsst praktisch alles für ihn machen. Aber das wird sich in den nächsten Monaten verändern, weil er sich entwickelt.
Lukas Baumann: Und weil er sich auch zunehmend lösen will. Ablösung beginnt ja eigentlich schon mit der Geburt und geht dann immer weiter, bis die Kinder irgendwann ausziehen. Wenn er mobil wird, möchte er die Welt entdecken und sich von euch wegbewegen. Natürlich kommt er auch immer wieder zurück. Aber dadurch entsteht mit der Zeit auch wieder etwas mehr Luft.
Oskar Jenni: Was hat sich denn zwischen euch als Paar verändert?
Michael: Darüber haben wir auch gesprochen. Für mich ist alles, was man vor den Kindern in eine Beziehung investiert, ein riesiger Goldschatz. Denn sobald das Kind da ist, wird die Beziehung – etwas salopp gesagt – zunächst fast zu einer Zweckgemeinschaft. Man unterstützt sich gegenseitig und schaut, dass man irgendwie gemeinsam durch den Tag kommt.
Anja: Ja, man gibt sich das Kind hin und her. Jetzt gehe ich duschen, dann du. Aber wirklich miteinander reden oder Zeit miteinander verbringen – dafür bleibt kaum Raum.
Michael: Und da profitiert man enorm von dem, was man vorher gemeinsam aufgebaut hat. Denn jetzt einfach zusammen ins Restaurant gehen oder eine Nacht in einem Hotel verbringen. Das ist alles viel, viel aufwendiger. Wir waren vor zwei oder drei Wochen für drei Tage in einem Hotel. Ich habe gesagt: Wir machen das nicht, um uns zu erholen, sondern um unsere Flexibilität zu testen. Entspannt war es überhaupt nicht. Es gab Diskussionen und unterschiedliche Bedürfnisse. Aber trotzdem war es gut. Wir haben etwas daraus gelernt. Wir wussten danach besser, wann Lauro überfordert ist und Ruhe braucht und auch, wann wir selbst überfordert sind.
Oskar Jenni: Das ist natürlich mutig. In den ersten Lebenswochen ist zu Hause alles vertraut. Hier sind die Gerüche, die Geräusche, die ganze Umgebung, die Lauro inzwischen kennt. Und dann fahrt ihr plötzlich an einen anderen Ort in die Ferien. Das ist für ein so kleines Kind schon eine grosse Umstellung. Aber ihr habt das offensichtlich gemeistert.
Michael: Es war eine riesige Herausforderung. Und vor einer Woche waren wir noch eine Woche in einem Jugendlager. Auch da haben wir gesagt: Wir gehen jetzt hin und machen das. Aber höchste Entspannung war auch das nicht gerade.
Anja: Trotzdem: Eine Woche nach der Geburt hat man das Gefühl, man schafft überhaupt nichts. Und jetzt haben wir schon drei Tage Ferien geschafft.
Oskar Jenni: Und eine Woche Jugendlager. Toll. Auch wenn es schwierig und anstrengend war, sind das Erfolgserlebnisse. Man merkt, dass Dinge wieder möglich werden und gelingen. Was mit der Zeit ebenfalls wichtig sein kann, ist, Wege zu finden, das Kind auch einmal einer vertrauten Person anzuvertrauen. So entstehen wieder einige Stunden, in denen man wirklich Zeit für sich oder gemeinsam als Paar hat. Mit zwei Monaten kommt Lauro vielleicht langsam in ein Alter, in dem ihr das ausprobieren könnt. Beim Stillen stellt sich natürlich die Frage, wie er in dieser Zeit ernährt werden kann. Habt ihr schon einmal abgepumpt und ihm die Milch mit dem Schoppen gegeben?
Anja: Ja. Ich war einmal reiten, und Michael hat ihm den Schoppen gegeben.
Oskar Jenni: Genau. Es kann hilfreich sein, das gelegentlich zu machen, damit Lauro sich auch an den Schoppen gewöhnt und von einer anderen vertrauten Person ernährt werden kann. Dann könnt ihr vielleicht irgendwann wieder einmal etwas zu zweit unternehmen, während er bei den Grosseltern oder einer anderen vertrauten Person ist. So entstehen nach und nach wieder ein paar Stunden ungestörte Zeit als Paar. Aber wie du gesagt hast: Ihr profitiert jetzt auch davon, dass ihr eure Beziehung schon vorher gepflegt habt. Was habt ihr denn vor der Geburt gemacht, um eure Beziehung zu pflegen?
Michael: Wir haben ein oder zwei gemeinsame Hobbys. Das ist unter anderem Wandern und wir haben sehr viel Zeit investiert in das und daran ist sehr viel unterwegs. Und da konnten wir aufleben, wenn wir zusammenleben wie sechs Stunden irgendwo hin wandern und uns ging der Gesprächsstoff nie aus. Das war wirklich schön.
Oskar Jenni: Also, das werdet ihr wieder machen können. Vielleicht zuerst mit ihm im Rucksack und dann mit der Zeit nicht mehr im Rucksack, sondern mit daneben laufen. Aber das wird wiederkommen. Nicht heute und nicht morgen. Aber das wird sicherlich wiederkommen.
Oskar Jenni: Welche Art von Unterstützung hätte euch in den ersten Wochen wirklich geholfen? Alle sagen einem ja immer: Wenn wir euch irgendwie helfen können, sagt einfach Bescheid. Aber das ist gar nicht so einfach. Welche Hilfe hilft denn wirklich?
Anja: Wir hatten jemanden, der uns gekochtes Essen gebracht hat. Das hat mir, oder uns, enorm viel gebracht. Dann musst du schon an eine Sache weniger denken. Denn am Anfang bist du wirklich nicht in der Lage, mittags oder abends noch zu kochen. Ab und zu kamen auch Leute vorbei, die eine Stunde auf das Kind geschaut haben. Dann konnte ich schlafen und hatte wieder eine Stunde Schlaf mehr. Das hat sehr geholfen. Viel mehr kann man wahrscheinlich gar nicht machen, als einfach da zu sein. Vielleicht einmal das Kind hüten, Essen bringen, einkaufen gehen – solche Dinge.
Oskar Jenni: Ich glaube, dieses Gefühl zwischen vorher und nachher, diese grosse Diskrepanz zwischen dem Leben vor der Geburt und dem Leben mit einem kleinen Kind, das man sich vielleicht ganz anders vorgestellt hat, kann einem niemand abnehmen. Das muss man ein Stück weit aushalten. Da nützt auch kein guter Rat.
Lukas Baumann: Höchstens vielleicht das Wissen, dass es vorbeigeht und dass man sich daran gewöhnt.
Oskar Jenni: Gibt es inzwischen Situationen, in denen du das Gefühl hast: Jetzt bin ich glücklich? Diese kleinen Momente – gibt es die schon?
Michael: Ja, die gibt es ab und zu. Mittlerweile hat er zum Beispiel Freude, wenn man ihn wickelt. Früher war das die grösste Katastrophe. Da hatte man das Gefühl, man bekommt einen Gehörschaden. Und jetzt freut er sich. Sobald die neue Windel da ist, fängt er an zu lachen. Oder ich nehme ihn über die Schulter, und er klammert sich an meinen Hals und lächelt über meine Schulter. Im Spiegel kann ich das sehen. Das sind sehr schöne Momente. Wenn man sieht, wie dieser kleine Junge aufblüht, wie er wächst und plötzlich seinen Kopf hebt. Das ist wirklich schön.
Anja: Ich gehe sehr gerne spazieren. Und ich finde es einfach schön, wenn ich eine Stunde mit dem Kinderwagen durchs Dorf laufen kann, ohne dass er schreit. Dann bin ich glücklich.
Oskar Jenni: Dann kannst du das Draussensein geniessen, die frische Luft, die Natur.
Anja: Ja, und das tut mir gut. Jetzt beginnt er auch zu lächeln. Das ist sehr herzig, wenn er einen anlächelt. Vorher hast du noch kein richtiges Gegenüber. Da ist einfach jemand, um den du dich kümmern musst. Und jetzt ist es schön, wenn langsam etwas zurückkommt.
Oskar Jenni: Das ist ein Teil der Elternschaft, diese extreme Achterbahn der Gefühle. Da gibt es diese kleinen, aber sehr intensiven Momente, in denen man das Glück sieht und auch wirklich spürt. Und dann kommen plötzlich wieder diese unglaublichen Stressgefühle, manchmal auch Versagensgefühle. Diese Gegensätze sind enorm. Ich glaube, eine solche emotionale Achterbahn erlebt man vorher kaum einmal im Leben.
Anja: Genau. Du hast vielleicht das Gefühl: Jetzt läuft es seit zwei Tagen supergut. Und drei Minuten später ist alles voller Erbrochenem. Ich stand mittendrin, er schrie, und ich wusste nicht, was ich zuerst putzen sollte: mich, das Kind oder den Boden. Jetzt kann ich darüber lachen. In diesem Moment konnte ich es nicht.
Michael: Ich bekam bei der Arbeit nur ein Foto davon.
Oskar Jenni: Und wie ging es dir damit?
Michael: Ich hatte Mitleid. Ich sass hilflos bei der Arbeit und dachte: Oh mein Gott, die Armen zu Hause. Fast noch schwieriger fand ich es, als ich gerade wieder angefangen hatte zu arbeiten. Einmal hast du mich völlig überfordert angerufen, hast geweint und wusstest einfach nicht mehr weiter. Und ich sass bei der Arbeit und konnte nichts machen. Das ist als Mann wirklich schwer auszuhalten. Man kann eigentlich nur zuhören.
Oskar Jenni: Hat es dir wirklich nichts gebracht, Anja, dass du angerufen hast? Hat es dich nicht doch ein wenig entlastet?
Anja: Doch. Ich hatte das Gefühl, ich konnte mit jemandem reden. Da war jemand, der mir zugehört hat.
Oskar Jenni: Also einfach das Telefon in die Hand nehmen und mit jemandem sprechen. Auch wenn die Person am anderen Ende in diesem Moment nichts an der Situation ändern kann.
Anja: Genau. Niemand kann wirklich etwas machen. Ich bin am Telefon, das Kind schreit, und ich kann es nicht beruhigen. Aber immerhin ist da jemand, der zuhört. Und vielleicht hat die Person noch eine Idee, was ich ausprobieren könnte.
Oskar Jenni: Manchmal können in solchen Situationen auch Noise-Cancelling-Kopfhörer helfen. Man hört das Schreien zwar immer noch, aber deutlich weniger intensiv. Das kann helfen, die eigenen Gefühle etwas besser zu regulieren. Und dadurch kann man in diesem Moment sogar näher beim Kind sein.
Anja: Weil ich das Schreien weniger höre?
Oskar Jenni: Genau. Du hörst es noch, aber viel weniger intensiv. Du siehst dein Kind natürlich weiterhin und bist vielleicht sogar besser in der Lage, auf es einzugehen, weil dich das Geräusch nicht so überwältigt. Denn es ist unglaublich schwierig, die eigenen Gefühle zu regulieren, wenn ein Kind minutenlang, manchmal auch sehr lange, schreit.
Anja: Ja, du willst helfen, aber du kannst es nicht.
Oskar Jenni: Und dieses intensive Schreien in den ersten Lebenswochen ist zunächst einmal etwas Normales. Das Kind ist in einer völlig neuen Welt und wird mit sehr vielen Reizen konfrontiert, die es noch nicht kennt. Dazu kommen innere Reize, die es noch nicht einordnen kann. Wenn du als Erwachsener zum Beispiel leichte Bauchkrämpfe hast, weisst du ungefähr, was los ist. Du denkst: Jetzt habe ich ein bisschen Bauchschmerzen, das geht wieder vorbei. Ein Säugling von zwei, drei oder vier Wochen kann das überhaupt nicht einordnen. Für ihn ist das einfach ein unangenehmes, vielleicht schmerzhaftes Gefühl, das er noch nicht versteht. Wir müssen dabei dem Kind helfen, durch diese Momente hindurchzukommen und gleichzeitig Wege finden, wie wir selbst sie aushalten können. Wenn wir merken, dass es nicht mehr geht, dass wir völlig überfordert sind, dann ist es besser, das Kind sicher in sein Bett zu legen, kurz den Raum zu verlassen und sich einen Moment zu beruhigen. Dem Kind passiert nichts, wenn es in einer solchen Situation einmal für kurze Zeit sicher im Bett liegt und schreit.
Anja: Aber man sagt ja immer, man soll Kinder nicht schreien lassen.
Oskar Jenni: Natürlich. Ich spreche hier nicht davon, ein Kind regelmässig oder bewusst schreien zu lassen. Ich meine genau diese Ausnahmesituation, die du vorher beschrieben hast: Du bist völlig verzweifelt, weinst und merkst, dass du nicht mehr kannst. Dann ist es besser, Lauro sicher abzulegen, kurz aus dem Zimmer zu gehen, vielleicht Michael anzurufen und sich erst einmal selbst zu beruhigen. Denn wenn man bei einem schreienden Säugling die Nerven verliert und ihn vielleicht sogar schüttelt, kann das sehr gefährlich werden. Darum ist es in einer solchen Situation wichtiger, für einen Moment Abstand zu gewinnen und sich zu beruhigen. Ich meine ausdrücklich nicht, dass man ein Baby einfach schreien lassen soll. Aber Säuglingsschreien kann Eltern wirklich an ihre Grenzen bringen.
Lukas Baumann: Dieses Schreien geht ja auch durch Mark und Bein. Es ist anders, als wenn ein grösseres Kind weint. Ich stelle mir vor, dass die Natur das so eingerichtet hat: Man kann dieses Schreien kaum überhören, weil wir auf die Bedürfnisse eines Babys reagieren sollen. Vielleicht ist es deshalb so intensiv.
Oskar Jenni: Ja. Ich denke, alle Eltern kommen irgendwann einmal an ihre Grenzen. Und es ist wichtig, sich selbst und auch das Kind in solchen Momenten zu schützen.
Anja: Auch wenn es einem das Herz zerreisst.
Michael: Wenn er angefangen hat zu schreien und ich ihn zu mir genommen habe, habe ich mir jedes Mal gesagt: Ach du meine Güte, bist du ein Schatz. So bin ich bewusst in diese Situation hineingegangen. Das hat mir geholfen, mich selbst erst einmal herunterzuholen und mir zu sagen: Er hat irgendein Problem. Ich weiss gerade nicht, welches, aber es ist alles okay. Es ging darum, dass ich mich selbst beruhigen konnte, damit ich möglichst gut für ihn da sein konnte. Aber das ist unheimlich schwer.
Oskar Jenni: Das finde ich sehr gut. Hast du dann auch mit ihm gesprochen? Zum Beispiel: Ich weiss, im Moment ist irgendetwas nicht gut. Vielleicht tut dir etwas weh, vielleicht ist es zu laut oder zu kalt. Aber ich bin da. Wir schauen zusammen. Denn indem du so mit ihm sprichst, beruhigst du nicht nur ihn, sondern auch dich selbst.
Michael: Ja. Es war wahrscheinlich vor allem eine Therapie für mich selbst.
Oskar Jenni: Es ist auch gut für ihn. Natürlich versteht er im Detail noch nicht, was du ihm sagst. Aber deine Stimme, deine ruhige Stimme, vielleicht auch ein Summen oder Singen, hilft ihm. Auch wenn er in diesem Moment schreit. Es reguliert dich und es hilft auch ihm, sich zu regulieren. Tröstlich ist, dass wir aus der Forschung wissen, dass das Schreien in den ersten Lebenswochen typischerweise zunimmt und nach etwa 12 Wochen wieder abnimmt. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Verdauungssystem reifer wird und sich auch die innere Uhr, die Schlafen und Wachen reguliert, zunehmend entwickelt. Das Schreien wird also mit der Zeit weniger.
Michael: Dann haben wir es ja schon fast geschafft. Es kommen auch sehr viele Tipps und Tricks von überall her. Einer davon ist: Wir haben unser Kind schon ans Tragen gewöhnt. Kann das sein?
Oskar Jenni: Grundsätzlich ist es so, dass man ein Kind in den ersten Lebenswochen ruhig viel tragen darf. Das hilft ihm, diese Phase besser zu bewältigen. Wenn du es viel trägst, kannst du auch schneller auf seine Signale und seine Irritationen reagieren. Das Tragen in den ersten Wochen ist also etwas Gutes. Damit verwöhnst du dein Kind nicht. Später muss man schauen, wie es sich entwickelt. Vielleicht ist Lauro ein Junge, der sehr gerne getragen wird, vielleicht auch nicht. Wichtig ist, dass man immer wieder ausprobiert, ihn auch einmal abzulegen und schaut, wie es geht. Das kann von Tag zu Tag anders sein.
Lukas Baumann: Ich habe auch das Gefühl, dass vieles mehr mit dem Kind selbst zu tun hat als damit, wie wir auf das Kind reagieren. Dass Lauro euch in den ersten Wochen nachts so stark gefordert hat, hat wahrscheinlich viel mehr mit ihm, seinen Bedürfnissen und seinen Irritationen zu tun als damit, wie ihr mit ihm umgegangen seid. Und ich denke, das wird bei vielen Dingen so bleiben. Ob er gerne getragen wird oder nicht, ist zunächst einmal etwas, das er mitbringt. Das habt ihr ihm nicht anerzogen und es bedeutet auch nicht, dass ihr ihn verwöhnt habt. Er entwickelt sich und zeigt euch immer mehr, wer er ist. Eltern haben nicht auf alles, was ein Kind mag oder nicht mag, einen so grossen Einfluss, wie wir manchmal denken.
Oskar Jenni: Vielleicht noch etwas Wichtiges zum Verwöhnen: In den ersten Lebensmonaten kann man ein Kind mit Nähe und Zuwendung nicht verwöhnen. Später verändert sich das. Dann soll ein Kind zunehmend auch eigene Schritte in die Welt machen, und wir müssen ihm nicht alles abnehmen. Aber gerade in den ersten sechs bis zwölf Lebensmonaten braucht ein Kind sehr viel Unterstützung. Es kommt auf die Welt und befindet sich in einer Situation, die völlig neu für es ist. Da braucht es uns. Nähe, Trost und Zuwendung sind in dieser Zeit kein Verwöhnen.
Lukas Baumann: Vielleicht noch eine letzte Frage: Wenn euch jemand vor der Geburt wirklich erzählt hätte, was danach auf euch zukommt – was glaubt ihr, hätte das verändert? Hättet ihr euch mit diesen schwierigen Gefühlen vielleicht etwas weniger allein gefühlt? Und hättet ihr es überhaupt geglaubt?
Anja: Ich glaube, mir hätte es geholfen zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Vielleicht glaubt man vorher nicht alles und denkt: Ja, ja, bei mir wird das anders sein. Aber wenn jemand wirklich ehrlich erzählt hätte, wie es sein kann, hätte mir das wahrscheinlich geholfen. Einfach zu wissen: Ich bin nicht die Einzige, die so fühlt.
Lukas Baumann: Hättest du dann vielleicht auch mehr Angst gehabt?
Anja: Ja, das wäre die andere Seite gewesen. Ich hätte wahrscheinlich mehr Respekt vor dem Ganzen gehabt. Aber vielleicht hätte ich mich auch etwas besser informiert.
Lukas Baumann: Worüber zum Beispiel?
Anja: Vielleicht hätte ich Bücher gelesen oder mich im Internet mehr über das Wochenbett informiert. Darüber, was im Körper passiert, dass dieses ganze Hormonchaos normal ist, über den Milcheinschuss, das Stillen und all diese Dinge. Wahrscheinlich hätte ich versucht, mich etwas besser darauf vorzubereiten. Ob es dadurch besser geworden wäre, weiss ich nicht. Aber vielleicht anders.
Lukas Baumann: Und für dich, Michael?
Michael: Ich weiss nicht, ob es für mich viel geändert hätte. Wahrscheinlich wäre einfach das Gefühl etwas anders gewesen. Die ersten Wochen waren wirklich sehr, sehr streng, und ich war erstaunt, wie streng sie waren. Wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte es an der Situation selbst wahrscheinlich nichts geändert. Vielleicht hätte ich einfach irgendwann gedacht: Ja, sie hatten recht. Aber vorher hätte ich es wahrscheinlich sowieso nicht richtig geglaubt.
Anja: Wenn dir jemand erzählt, dass es so wird, ist das wahrscheinlich trotzdem kein Grund, keine Kinder zu haben. Man denkt dann: Ja, mag schon sein – aber bei uns wird es bestimmt anders.
Lukas Baumann: Wir haben ja auch zwei Kinder. So schlimm kann es also nicht sein.
Oskar Jenni: Und beim zweiten Kind ist man natürlich schon erfahrener. Man weiss dann, was beim ersten Mal passiert ist.
Anja: Man weiss zum Beispiel schon, wie man wickelt. Beim ersten Kind stehst du vor dem Wickeltisch und denkst: Was mache ich jetzt? Beim zweiten weisst du das schon. Da fällt eine Überforderung schon einmal weg.
Oskar Jenni: Auch beim Stillen gibt es vieles, was man erst lernen muss. Da gibt es ja auch ganz praktische Dinge, bei denen man mit der Zeit sicherer wird.
Anja: Ja. Inzwischen weiss ich zum Beispiel, woran ich merke, dass er wirklich schluckt. Am Anfang habe ich die Hebamme angeschaut und gefragt: Wie siehst du das? Und jetzt erscheint es mir völlig logisch.
Oskar Jenni: Trotzdem wird auch ein zweites Kind wieder eine Herausforderung sein. Da ist wieder ein neues Kind, wieder eine neue Situation, und auch die körperlichen und hormonellen Veränderungen sind wieder da. Aber das ganze Handling kennt man dann schon besser.
Anja: Genau. Du hast die Kleider, du hast die Trage, du hast all diese Dinge schon. Beim ersten Mal kommt das alles noch zusätzlich zur Überforderung dazu.
Oskar Jenni: Und auch diese ganzen Fragen: Ist ihm zu heiss oder zu kalt? Hat er Fieber? Wann muss man in den Notfall und wann nicht? Beim zweiten Kind hat man für vieles schon mehr Erfahrung. Was denkt ihr: Wäre es hilfreich, wenn es neben den Geburtsvorbereitungskursen auch eine Art Vorbereitung auf das Wochenbett und die erste Zeit mit dem Kind gäbe? Oder muss man da letztlich einfach selbst hindurch?
Michael: Was mir am meisten geholfen hat, war meine Schwester. Ich konnte ihr jederzeit kurz über WhatsApp schreiben: Hey, ist das normal? Und dann kam zurück: Ja, das ist völlig normal, das kannst du so lassen. Das hat mir sehr geholfen. Ich wusste, dass ich sie immer fragen darf und dass sie sich nicht belästigt fühlt. Im Gegenteil, sie hatte sogar Freude, wenn ich gefragt habe. Für mich war das wie eine kostenlose 24-Stunden-Hotline, sieben Tage die Woche – und dazu noch eine sehr erfahrene.
Anja: Aber auch die Hebamme war enorm wichtig. Als wir aus dem Spital nach Hause kamen – wenn die Hebamme an diesem ersten Tag nicht gekommen wäre, weiss ich nicht, was wir gemacht hätten.
Oskar Jenni: Die Hebamme war also gerade an diesem ersten Tag zu Hause ein wichtiger Ankerpunkt. Da kommt jemand, der Erfahrung hat und Sicherheit geben kann.
Michael: Mir hat es auch sehr viel Sicherheit gegeben, dass die Hebamme danach regelmässig kam. Ich wusste bei vielen Dingen einfach nicht, ob sie normal waren. Lauro war zum Beispiel noch etwas gelb, als wir nach Hause kamen. Wurde es besser oder schlechter? Ich konnte das nicht beurteilen, weil mir die Referenz fehlte. Und im Internet heisst es gefühlt sowieso immer gleich: Geh in den Notfall. Ich selbst habe kein besonders gutes Gespür dafür, wann man ins Spital gehen sollte und wann nicht. Ich bin eher jemand, der zu spät geht. Aber bei einem kleinen Kind willst du natürlich auf keinen Fall zu spät reagieren. Herauszufinden, wann etwas wirklich ernst ist und wann nicht, war für mich eine grosse Herausforderung.
Oskar Jenni: Vielen Dank für dieses sehr spannende Gespräch. Ich hoffe sehr, dass es vielen zukünftigen Eltern hilft, vielleicht gerade dann, wenn sie diese Folge hören, bevor ihr Kind zur Welt kommt, und dadurch etwas besser auf die ersten Wochen nach der Geburt vorbereitet sind. Vielen Dank, dass ihr dabei wart.
Anja: Danke auch.
Oskar Jenni: Die ersten Wochen mit einem Baby fühlen sich für viele Eltern wie ein Ausnahmezustand an. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser Folge: Sie sind mit diesen Gefühlen nicht allein. Überforderung bedeutet nicht, dass Sie schlechte Eltern sind. Sie bedeutet vielmehr, dass Sie gerade etwas völlig Neues lernen. Mit jedem Tag wächst nicht nur Ihr Kind. Auch Sie wachsen langsam in Ihre neue Rolle als Mutter oder Vater hinein. Ganz herzlichen Dank an Anja und Michael für ihre grosse Offenheit und ein herzliches Dankeschön auch an Lukas Baumann, Kinderarzt, Vater von zwei Kindern und Produzent dieses Podcasts im Mix Art Studio.
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Podcast Kompass Kindheit
«Die berührendsten Geschichten über Kindheit entstehen dort, wo Menschen offen von ihren Erfahrungen erzählen.»
Kinder grosszuziehen wirft täglich neue Fragen auf. Oskar Jenni lädt ein – zu Gesprächen, die bewegen, ganz neuen Perspektiven, und Wissen das bleibt. Von den ersten Tagen nach der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter.

