Warum Babys nicht einfach schlafen
«Er wäre durchgedreht, wenn ich nicht da war.» So beschreibt Gabriela, Mutter des sieben Monate alten Miro, eine der ersten Erkenntnisse ihres ersten Lebensjahres als Mutter. In der ersten Folge des Podcasts Kompass Kindheit spricht sie offen mit Oskar Jenni über Nächte, die sich in Stunden ziehen, ein Baby, das nur an der Brust oder in Bewegung zur Ruhe kommt – und die Frage, die sich fast alle Eltern irgendwann stellen: Machen wir etwas falsch?
Die Antwort von Oskar Jenni, Kinderarzt am Kinderspital Zürich und Entwicklungsforscher an der Universität Zürich, ist eindeutig: nein. Babys schlafen nicht einfach durch, weil sie das im ersten Lebensjahr schlicht noch nicht können – nicht, weil Eltern etwas falsch machen.
Warum Babys nachts so oft aufwachen
Auch Erwachsene wachen nach jedem Schlafzyklus kurz auf. Der Unterschied: Wir finden selbstständig wieder in den Schlaf, ohne es überhaupt zu bemerken. Babys müssen diese Fähigkeit erst entwickeln – Schritt für Schritt, über das gesamte erste und zweite Lebensjahr hinweg. Manche Nächte gelingt Miro ein Schlafblock von drei Stunden am Stück, in anderen wacht er fast stündlich auf. Beides ist laut Oskar Jenni normal für dieses Alter.
Einschlafhilfen sind kein Fehler – aber auch nicht für immer nötig
Stillen, Tragetuch, Babywippe oder Kinderwagen: Fast jede Familie findet im ersten Lebensjahr ihren eigenen Weg, ein Baby in den Schlaf zu begleiten. Problematisch wird es laut Oskar Jenni erst, wenn Eltern darunter leiden. Denn was ein Baby zum Einschlafen braucht, braucht es meist auch, wenn es nachts wieder aufwacht. Eine Einschlafhilfe lässt sich nicht in einem Moment einsetzen und im nächsten weglassen – das Kind muss nach und nach lernen, auch ohne sie in den Schlaf zu finden.
Schritt für Schritt zur Selbstständigkeit
Einen Trick, der von heute auf morgen wirkt, gibt es dafür nicht. Wohl aber einen Weg: das Baby müde, aber wach hinlegen und dabeibleiben. Streicheln, ruhig sprechen, leise summen – aber nicht sofort wieder herausnehmen. So bekommt das Kind die Gelegenheit, eigene Wege in den Schlaf zu finden, ohne die vertraute Nähe zu verlieren.
Geübt wird das am besten tagsüber, nicht nachts – nachts brauchen alle möglichst viel Ruhe. Auch das Stillen darf dabei seine ursprüngliche Rolle zurückbekommen: in erster Linie Nahrung, nicht Einschlafhilfe. Ein Schnuller kann eine Alternative sein, weil er nicht an die Anwesenheit der Eltern gebunden ist – manche Kinder akzeptieren ihn allerdings nie, und das ist ebenso in Ordnung. Auch ein von der Mutter getragenes T-Shirt oder ein Tüchlein mit etwas Muttermilch im Bett kann Vertrautheit schaffen, wenn die Eltern nicht da sind.
Rituale und die innere Uhr
Die innere Uhr eines Babys ist im ersten Lebensjahr noch nicht ausgereift und braucht regelmässige Signale, um sich einzuspielen. Ein gleichmässiger Tagesablauf mit wiederkehrenden Ritualen – dieselben Handgriffe am Morgen, dasselbe Vorgehen am Abend – hilft dem Kind zu verstehen, was als Nächstes kommt. Kleine Kinder haben noch kein Zeitgefühl. Sie lernen vor allem über Wiederholung.
Das Familienbett: gefährlich oder einfach nur nah?
Gemeinsam schlafen ist ein natürliches menschliches Bedürfnis: Rund zwei Drittel der Erwachsenen schlafen besser, wenn jemand neben ihnen liegt, nur ein Drittel bevorzugt das Alleinschlafen. Auch aus evolutionärer und kultureller Sicht ist gemeinsames Schlafen weit verbreitet – in vielen Teilen Asiens und Südamerikas gehört es bis heute selbstverständlich zum Familienalltag.
Ein Familienbett ist grundsätzlich nicht gefährlich, solange einige Vorsichtsmassnahmen beachtet werden: Das Bett sollte ausreichend gross sein – ein Bett mit 90 bis 120 Zentimetern Breite ist dafür zu klein, ein grosses Doppelbett hingegen geeignet. Es sollte kein Wasserbett sein, die Bettdecke nicht zu schwer, und wenn ein Elternteil raucht, gehört das unbedingt mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt besprochen. Die Nähe zu den Eltern bringt darüber hinaus auch schützende Faktoren mit sich – Stillen eingeschlossen. Entscheidend bleibt: Jede Familie findet die Lösung, die für sie passt. Wenn alle gut schlafen, gilt: Never change a winning team.
Wann ändert sich das wieder?
Das Schlafarrangement einer Familie ist selten für immer in Stein gemeisselt. Sobald ein Kind selbstständig aus dem Bett klettern kann, stellt sich die Frage nach dem Schlafplatz oft neu – häufig geschieht dieser Übergang im zweiten Lebensjahr, etwa über eine gemeinsame Matratze im Elternzimmer, die später ins Kinderzimmer wandert. Solange eine Lösung für die ganze Familie funktioniert, muss nichts verändert werden. Entwicklung braucht Zeit – das gilt für den Schlaf genauso wie für alles andere in den ersten Lebensjahren.
Mehr aus dieser Folge
Wie Gabriela und Oskar Jenni im Detail über Einschlafrituale, das Beistellbett und den Umgang mit nächtlichem Aufwachen sprechen, gibt es in voller Länge in Folge 1 von Kompass Kindheit zu hören: «Warum Babys nicht einfach schlafen – Nähe, Familienbett und der Weg zum selbstständigen Einschlafen».
Wer verstehen möchte, welches Grundbedürfnis hinter dem Wunsch nach Nähe im Schlaf steht, findet dazu mehr im 5G-Kompass unter Geborgenheit in Beziehungen. Und für alle, die tiefer ins Thema Schlaf, Beikost oder Bindung einsteigen möchten, lohnt sich ein Blick in die Bücher von Oskar Jenni oder in die hilfreichen Wegweiser mit weiterführenden Anlaufstellen.

