Erste Wochen mit Baby: «Niemand hat uns darauf vorbereitet»
Auf die Geburt bereiten sich die meisten Eltern monatelang vor. Geburtsvorbereitungskurse, Hebammengespräche, ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer – der grosse Tag ist bis ins Detail durchdacht. Doch was danach kommt, bleibt oft ein blinder Fleck. Genau darüber sprechen Anja und Michael in Folge 4 des Podcasts Kompass Kindheit mit Kinderarzt und Entwicklungspädiater Oskar Jenni – offen, unaufgeregt und erstaunlich ehrlich.
Ihre Geschichte zeigt: Wenn Sie sich in den ersten Wochen mit Ihrem Baby überfordert fühlen, sind Sie damit nicht allein. Und es gibt einiges, das diese Zeit tatsächlich leichter macht.
Der Kontrast zwischen Erwartung und Wirklichkeit
Anja und Michael fühlten sich auf die Geburt ihres Sohnes Lauro gut vorbereitet. Die Schwangerschaft wurde eng begleitet, alles drehte sich um den Tag X. Was danach kam, war eine andere Geschichte. «Der Einstieg war ziemlich heftig», erinnert sich Michael. Zu Hause angekommen, war da plötzlich Stille – und drei Menschen, die erst noch herausfinden mussten, wie ihr gemeinsamer Alltag aussehen sollte.
Diese Diskrepanz ist kein Einzelfall. Oskar Jenni bestätigt: Viele Eltern stellen sich die ersten Wochen nach der Geburt entspannter vor, als sie tatsächlich sind. Das Baby wird gestillt, schläft danach ein paar Stunden, und dazwischen bleibt Zeit für den Haushalt oder einen Spaziergang. Doch mit einem Baby, das viel Nähe braucht und am liebsten getragen werden möchte, sieht der Alltag oft ganz anders aus.
Schlafmangel als Dauerthema
Kaum ein Thema kommt im Gespräch so oft zur Sprache wie der Schlaf. In den ersten sechs bis sieben Wochen folgte Lauro einem Rhythmus von etwa eineinhalb Stunden: stillen, kurz beruhigen, wieder von vorn. «Man sieht kein Ende», beschreibt Michael diese Phase. Erst nach rund acht Wochen stellte sich ein erster, verlässlicherer Schlafabschnitt ein.
Statt starrer Vorstellungen davon, wie ein Baby «eigentlich» schlafen sollte, fanden Anja und Michael ihre eigene Lösung: ein Beistellbett, das kaum genutzt wurde, und schliesslich ein gemeinsames Bett mit dem Kind in der Mitte – obwohl sie sich das ursprünglich anders vorgenommen hatten. Oskar Jenni ordnet ein: Sicheres gemeinsames Schlafen ist möglich, solange das Bett genügend gross ist. Entscheidend sei, eine Lösung zu finden, die im Alltag tatsächlich funktioniert – unabhängig davon, was Broschüren oder gut gemeinte Ratschläge von aussen vorgeben.
Die Gefühls-Achterbahn nach der Geburt
Besonders eindrücklich schildern beide Elternteile, wie widersprüchlich sich diese Zeit anfühlen kann. Die grosse Vorfreude auf das Kind trifft auf plötzliche Überforderung – und darauf folgt oft ein schlechtes Gewissen, weil man doch eigentlich nur glücklich sein «sollte». Auch Lukas Baumann, Kinderarzt, Vater und Produzent des Podcasts, kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung: Freude und Trauer über das alte Leben können gleichzeitig da sein, ohne dass etwas falsch daran ist.
Oskar Jenni macht in diesem Zusammenhang eine für viele Eltern entlastende Aussage: Diese Gefühle gehören zur frühen Elternschaft dazu und sind keine Ausnahme. Wer offen darüber spricht – mit dem Partner, mit Freunden, mit der Hebamme – merkt oft, dass es allen anderen genauso geht.
Wenn das Baby schreit: konkrete Strategien
Ein Moment, den viele Eltern kennen: Das Baby schreit, und nichts scheint zu helfen. Auch Anja und Michael haben das erlebt. Oskar Jenni gibt dazu einen wichtigen fachlichen Hinweis: Anhaltendes Schreien in den ersten Lebenswochen ist normal und nimmt erfahrungsgemäss nach rund zwölf Wochen wieder ab, sobald sich Verdauung und innere Uhr des Kindes weiterentwickelt haben.
Für den Alltag empfiehlt er:
Das Kind viel zu tragen, insbesondere in den ersten Lebenswochen – das hilft ihm, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden, und erleichtert es, seine Signale frühzeitig zu erkennen.
In besonders belastenden Momenten das Baby sicher ins Bett zu legen, kurz den Raum zu verlassen und sich selbst zu beruhigen, statt in der Überforderung zu verharren.
Noise-Cancelling-Kopfhörer auszuprobieren: Das Schreien bleibt hörbar, wirkt aber weniger überwältigend – wodurch Eltern oft ruhiger und präsenter reagieren können.
Mit dem Kind zu sprechen, auch wenn es die Worte noch nicht versteht: Die ruhige Stimme reguliert nicht nur das Baby, sondern auch die eigenen Nerven.
Und ein Satz, der vielen Eltern das Herz erleichtern dürfte: Mit Nähe und Zuwendung lässt sich ein Neugeborenes in den ersten Lebensmonaten nicht verwöhnen.
Zu zweit durch die neue Realität
Auch die Paarbeziehung verändert sich in dieser Zeit spürbar. «Alles, was man vor dem Kind in eine Beziehung investiert, ist ein riesiger Goldschatz», sagt Michael – denn danach bleibt für Gespräche und gemeinsame Zeit oft wenig Raum. Was dem Paar geholfen hat: neue Situationen zunächst gemeinsam auszuprobieren – den ersten Spaziergang, die erste Autofahrt, die erste Bergbahnfahrt zu dritt – um danach mit mehr Sicherheit auch einzeln unterwegs zu sein.
Was wirklich hilft
Auf die Frage, welche Unterstützung in den ersten Wochen tatsächlich etwas gebracht hat, fallen die Antworten von Anja und Michael angenehm konkret aus: gekochtes Essen, das vorbeigebracht wurde. Jemand, der eine Stunde auf das Kind aufpasste, damit etwas Schlaf nachgeholt werden konnte. Und eine Hebamme, die in den ersten Tagen regelmässig vorbeischaute und Sicherheit gab, wenn unklar war, ob etwas normal war oder nicht.
Auch der informelle Austausch spielte eine grosse Rolle: Michael konnte seiner Schwester jederzeit per WhatsApp schreiben und beschreibt das rückblickend als «kostenlose 24-Stunden-Hotline». Manchmal reicht es eben schon, dass jemand zuhört – auch wenn diese Person die Situation im Moment nicht ändern kann.
Es wird leichter
Der vielleicht wichtigste Trost des Gesprächs: Diese intensive Phase geht vorbei. Mit rund sechs Monaten wird ein Baby zunehmend mobiler, entwickelt sich weiter und wird für seine Eltern besser «lesbar». Michael und Anja erleben das bereits: erste Lächeln, erste ruhige Nächte, erste kleine Ausflüge, die gelingen. Oskar Jenni bringt es am Ende der Folge auf den Punkt: Überforderung bedeutet nicht, schlechte Eltern zu sein – sie bedeutet, gerade etwas völlig Neues zu lernen. Mit jedem Tag wachsen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern in ihre neue Rolle hinein.
Dieser Beitrag basiert auf Folge 4 des Podcasts Kompass Kindheit, «Niemand hat uns darauf vorbereitet – Ehrlich über die ersten Wochen mit einem Baby», mit Anja und Michael, Lukas Baumann und Oskar Jenni. Die vollständige Folge finden Sie überall dort, wo Sie Podcasts hören.
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Die ersten sechs bis acht Wochen gelten als besonders intensiv, da sich Schlaf- und Stillrhythmus des Babys noch nicht eingespielt haben. Anhaltendes Schreien nimmt erfahrungsgemäss bis etwa zur zwölften Lebenswoche zu, bevor es wieder spürbar abnimmt.
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Ja. Diese Gefühle gehören zur frühen Elternschaft dazu und sind kein Zeichen dafür, dass Sie etwas falsch machen. Überforderung bedeutet vielmehr, dass Sie gerade etwas völlig Neues lernen.
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Nein. In den ersten Lebensmonaten kann ein Baby durch Nähe und Zuwendung nicht verwöhnt werden. Viel Tragen und schnelles Reagieren auf seine Signale helfen ihm sogar, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden.
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Konkrete, alltagsnahe Hilfe wirkt oft am meisten: gekochtes Essen, eine Vertrauensperson, die kurz auf das Baby aufpasst, sowie der regelmässige Besuch der Hebamme in den ersten Tagen zu Hause.

